Der Beginn des letzten Kampfes

 

Monster verfolgten Amelie. Sie rannte, rannte so schnell sie konnte, doch sie kam nicht voran. Immer blieb sie auf derselben Stelle. Die Ungeheuer kamen näher und näher. Es gab kein Entrinnen. Eines der Monster breitete seine Arme aus, griff nach ihr. Letzte Schreie gingen in der Dunkelheit verloren.

Schweißgebadet wachte sie durch die Schreie von Jana und Sandra auf. Sie saßen auf den Stühlen um den Tisch herum und lachten bis sie sich kugelten.

Susanne stand wieder mal vor dem Spiegel um ihre Arroganz zu bewundern. Oder auch um sich „hübsch“ zu machen, wie auch immer man das definieren konnte. Zu retten war da eh nichts mehr.

„AUFSTEHEN, AMY!“, schrie Jana. Na toll. Wie viel Uhr war es denn überhaupt? Amelie schaute aus dem Fenster. Es war schon hell. Vögel zwitscherten. Die Sonne schien und ließ die Erinnerungen an den gestrigen Abend verschwinden. Was war das bloß für ein Gewitter?

„Verdammt, wie viel Uhr haben wir denn?“, fragte Amelie, die vom Schlafen her noch immer  etwas im Hals hatte. Jana und Sandra konnten noch nicht einmal antworten, ohne dass der Lachanfall aufhörte, jetzt kam auch noch Amelies Stimme dazu.

Wenig später kam dann auch wieder Frau Schmied angerollt, die alle wecken wollte.

„Na los, Amy, beeil dich mal bisschen, wir müssen um 10.00 Uhr los!“, meinte Sandra.

„Ja super, und wie viel Uhr haben wir jetzt?“

„Kurz nach achte! Und wir müssen dazu noch frühstücken, die andern müssen noch abspülen und wir müssen noch den Rucksack packen und alles. Außerdem sollten wir alle uns eigentlich noch richten“, antwortete ihr Sandra.

„Oh mein Gott, stimmt ja, wir gehen heute ja Kanu fahren… Hätte ich fast vergessen!“, fiel Amelie erschrocken ein. Lust hatte sie wenig darauf, doch wenigstens spielte das Wetter mit, im Gegensatz zu gestern. Wäre sie an diesem Tag nur im Bett geblieben, es wäre für alle und besonders für sie das Beste gewesen…

Nachdem sich Amelie später mehr oder weniger umständlich in dem Zwischenraum ihres Zimmers und dem Zimmer der Nachbarn, in dem sich eine Dusche und eine Toilette befand, umzog, richtete sie sich noch etwas und begab sich runter zu den anderen, die schon alle längst frühstückten. Wenigstens gab es hier nicht nur so ein verstümpertes hartes Brot zum Essen. Aber der Tee schmeckte grässlich, und es war leider so zu sagen Pflicht, diesen Tee auszutrinken, da es eh den ganzen Tag nichts anderes gab was man trinken konnte, außer vielleicht diese verteuerte Cola aus dem schäbigen Getränkeautomat, der in dem kleinen Raum, wo sich auch der PC befand, stand. Ja, dieses Schullandheim war gar nicht so schlecht, man konnte sogar für viel Geld ins Internet! Wenigstens eine Sucht,  die Amelie dort befriedigen konnte. Doch dazu hatte sie jetzt keine Zeit mehr, der Bus würde in einer halben Stunde fahren, und sie sollte noch diesen vergammelten Tee abfüllen und etwas zum Essen einpacken, dass sie diesen Tag noch überleben würde. Später hätte sie sich wahrscheinlich gewünscht, ihn doch nicht mehr überlebt zu haben. Die Sonne brannte herunter, schon kurz nach 9.00 Uhr hatte es knappe 30°C. Sie saß noch eine Weile allein im Zimmer und dachte nach. Über was sie nachdachte war leicht zu erraten. Wo Sandra oder Jana schon wieder waren wusste sie natürlich auch wieder nicht. Aber war ja nichts Neues, wenn man sie wieder allein gelassen hätte.

Eine Stunde später befand sie sich im Bus und war stocksauer. Sandra hatte es wieder mal vorgezogen, neben Jana zu sitzen. Da Amelie es verzweifelnd fand, allein zu sein und dadurch fast wieder ihre Komplexe bekam, bat sie eine aus ihrer Parallelklasse, deren Name sie nicht kannte, obwohl sie ihn ihr schon weiß Gott wie oft sagte, sich neben sie zu setzen. Das Gespräch war nicht wirklich atemberaubend, aber wenigstens jetzt nicht allein sein. Das war schon mal das Wichtigste. Mindestens eine Stunde oder sogar auch mehr fuhren sie wieder mal in so einem hässlichen, engen Bus. Amelie fühlte sich wieder so eingeengt, sie konnte kaum atmen. Diese Lautstärke der ganzen Kinder machte ihr nicht einmal etwas aus, doch sie nahm jedes einzelne Geräusch überlaut wahr. Jedes Knacken eines Astes, über den sie fuhren als der Bus in einen Feldweg einbog. Jedes kleinste Steinchen, das sich unter dem Gewicht des Busses ergab. Alles wurde zu einem ohrenbetäubenden Lärm. In einem Waldstück angelangt hielt der Bus. Die ganzen Kinder stiegen aus. Gedankenverloren ging auch Amelie langsam hinaus. Als sie Sandra sah, rannte sie sofort zu ihr, um dann auch später im gleichen Kanu zu sitzen wie sie. Natürlich brachten sie es wieder nicht auf die Reihe, in eines der ersten Kanus zu springen, also waren sie mal wieder die Letzten. Das heißt, dass Frau Schmied sich zu ihnen ins Kanu begeben musste. Man will ja nicht behaupten, dass das Kanu ein tiefes Stück nach unten sank als sie einstieg, aber man konnte deutlich erkennen auf welcher Seite des Bootes sie anschließend saß. Da alle Plätze besetzt waren, musste sich Amelie dann wohl oder übel neben sie setzen, und das machte die Situation in der sie steckte nicht gerade besser. Na ja, man kann ja wenigstens etwas schleimen, vielleicht wird ja die mündliche Note dadurch etwas besser. Sandra saß direkt hinter ihr. Gut, wenigstens war sie mit im Boot, also sollte Amelie sich da mal nicht beklagen. Um die zwei Stunden schaukelten sie in diesem engen Kanu, in dem sich inzwischen auch herzlich viel Wasser befand. Super, Amelies Stoffschuhen tat das auch nicht sonderlich gut. Sie war überglücklich, endlich herauszukommen, weg von  diesem endlosen Gelaber von Frau Schmied. Schleimen war noch nie Amelies Stärke. Also, ab in den Bus und eine weitere Ewigkeit fahren. Wieder eingeengt fühlen, ertränkt werden von dem Schwindel, der sich in ihr ausbreitete. Vielleicht war es auch einfach nur der vergammelte Tee, der sich in ihr nicht wohl fühlen wollte. Als sie wieder in ihrem Schullandheimaufenthaltsort ankamen, kam die Durchsage von Frau Schmied und Herrn Peterson, dass die Schüler, die noch in die Stadt wollten, jetzt aussteigen und abends zum Abendessen zurückkehren sollten, und die Schüler, die anschließend ins Freibad wollten noch mit zum Schullandheim fahren sollten. Die Entscheidung von Amelie, Sandra und Jana erübrigte sich dann wohl von alleine. Sie stiegen so schnell wie möglich aus. Endlich raus aus diesem Bus. Luft, frische Luft… Und zu früh gefreut, es war noch immer viel zu heiß. Leider hat auch Tine sich dazu entschieden, mit auszusteigen.

„Dass die nicht ins Freibad will ist ja logisch…“, sagte sich Amelie vor sich hin. Sandra freute sich anscheinend, doch Amelie sah das ganz im Gegenteil. Jana war es so wie es aussah relativ egal, Hauptsache sie bekam so schnell wie möglich ihre Currywurst. Doch bevor das geschah, meine Tine noch sie brauche einen Gürtel. Genau diese Art von Gürtel, die Amelie so verabscheute. Was bringt es schon, wenn vorne, wo sich eigentlich die Schnalle befinden sollte,  ein Bling– Bling -Schmetterling ist? Kein Geschmack, wie es doch zu Tine passte. Amelie war später so angekotzt dass sie einfach nur noch zurück ins Schullandheim und in ihr hartes Bett wollte. Hauptsache überhaupt ein Bett. Aber nein, Jana brauchte noch ihre Currywurst.

„Vielleicht könnten wir da ja dann Tine endlich abhängen“, dachte Amelie sich. Doch es ergab sich anders, Tine wollte auch wieder mal etwas für ihre Figur tun und kam dann schließlich mit Currywurstessen. Die Situation wurde dann so nervtötend für Amelie dass sie begann, Tine wegzuekeln. Zu ihrem Glück klappte das auch super. Also waren dann nur noch sie, Sandra und Jana übrig. Und jetzt sah der Tag doch gar nicht mal so schlecht aus, oder? Angekommen bei einem Billigladen, begann Sandra dann wieder, Amelie keines Blickes zu würdigen. Jana versuchte so gut es ging, alles zusammenzuhalten, doch es klappte nicht wirklich. Auch nur das kleinste Wörtchen, der flüchtigste Blick und diese ewige Ignoranz zersetzte Amelies Inneres. Doch was sollte sie noch tun? Es gab einfach nichts mehr. Sie versuchte doch schon alles, um die Freundschaft nicht zu verlieren. Vor ihren Augen stand sie am Abgrund einer tiefen Schlucht, von deren Ufer sie vergebens zum andern Ufer winkte, wo Sandra stand, die sich nicht einmal für Amelie umdrehte. Doch in diesem Moment stand Sandra nicht am Ufer einer ach so tiefen Schlucht, sondern vor einem kleinen Tisch, auf dem sich Massen von Tangas befanden. Sie und Jana fanden das so toll, dass sie sicherlich noch eine Ewigkeit davor gestanden hätten, wenn Amelie nicht so genervt hätte, dass sie endlich auch mal weiter wollte. Anfangs beachteten sie sie nicht einmal, also setzte sie sich draußen auf einen kleinen Pfosten und wartete. Und wartete. Und sie wartete immer noch, doch die Zwei wollten einfach nicht kommen. Hallo? Sie war auch noch da, oder hatte Sandra jetzt nur noch Augen für Jana? Sie wollte nachschauen, ob sie nun endlich kommen würden, doch sie traute sich nicht, da sie Sandra und Jana nicht nerven wollte. Aber sie wollte es sich auch nicht gefallen lassen, wieder mal von ihrer „besten Freundin“ so behandelt zu werden. Außerdem blendete die Sonne sie und es war ihr zu heiß. Wieder im Laden zurück standen Jana und Sandra immer noch seelenruhig tratschend vor diesem Tisch. Irgendwann erbarmte sich Sandra doch noch, sich langsam aber sicher zur Kasse zu bewegen um sich einen, ja, nur einen, Tanga zu kaufen. Wie sozial! Später kamen sie in einem kleinen Souvenirladen an, der eigentlich recht nett  war, wie Amelie fand. Beim Umschauen fand sie in einer kleinen Ecke ein Plüschschaf, das sie Annette mitbringen wollte. Sie beschloss auch, für Sandra ein kleines Hinstellding mit einem Herzen zu kaufen, warum auch immer. Vielleicht wollte sie nur eine Umarmung dafür, auch nur ein lieb gemeintes „danke schön“. Und vielleicht war auch ihre Naivität zu groß, der Glaube dass man Freundschaft erkaufen könnte. Doch was erwartet man von einem kleinen, naiven Mädchen schon. Andersrum gesehen, hätte sie wirklich so viel Ahnung von dem Leben und von der Welt, wie sie immer preisgab, wäre sie niemals so naiv gewesen. Aber vielleicht war Naivität auch nur vererbbar, denn wie sich rausstellte, lernte sie aus all diesen kleinen Enttäuschungen herzlich wenig. Voller Enthusiasmus schenkte sie das Ding gleich nachdem sie es gekauft hatte Sandra, die sie dann doch noch umarmte. Also war die Stunde schon mal gerettet für sie. Jetzt ab zu dem nächsten Souvenirladen. Amelies Geld litt schwer unter den Einkäufen, aber was man nicht sieht, kann auch nicht bestraft werden… oder wie war das? In diesem kleinen, heimischen Souvenirladen gab es viele tolle Sachen, unter anderem einen Flaschenöffner in Rettungsringdesign, auf dem „Papa ´s letzte Rettung“ stand. Ab in die Tasche damit. Nicht einmal Sandra, die die meiste Zeit, oder zumindest die Zeit in dem Laden, neben ihr herging, bekam etwas davon mit. Vor dem Laden gab es noch nette Postkarten, die sie Annette zeigen wollte. Eine Postkarte mitgehen lassen war eh nicht viel. Also konnte sie sich das schon erlauben, sie machte es schließlich normalerweise nie. Doch auch die kleinsten Fehler werden irgendwann zu einem großen Fehler zusammenwachsen, der sie einholen und gefangen halten wird, und das schon früher als sie überhaupt dachte. Doch die Naivität sagte ihr wieder mal, dass all das noch seine Zeit haben wird, und Amelie glaubte ihr logischerweise.

Sandra, Jana und sie setzten sich auf eine Bank neben diesem Laden. Zu Amelies großer Freude tauchte Tine wieder auf. Aber immer nicken und nett grinsen, so schafft man es immer wieder zu überleben. Zum Glück verharrte Tine nicht lang bei ihnen und so konnten sie ungestört zum nächsten Schlecker marschieren, denn Amelie wollt sich noch eine schwarze Haartönung besorgen.

„Jetzt oder nie“, dachte sie. Karen hätte ihr niemals erlaubt, in ihrem Zustand auch noch die Haare schwarz zu färben. Im Schullandheim bekam sie es ja nicht mit, also kann sie es dann später auch nicht mehr rückgängig machen. Es sei denn sie würde nachts im Schlaf Amelies Haare abschneiden, was sie ihr locker zutrauen würde, doch dann würde Amelie morden. Ihre Frisur war ihr sowieso das Wichtigste was es an ihr gab. War ja auch keine Kunst, wie sie fand. Das erste was Sandra und Jana im Schlecker pflichtgemäß machen mussten, war vor das Regal mit der Schminke stehen. Und das viel zu lang. Doch Amelie brauchte eh Zeit, um sich das richtige Schwarz auszusuchen. Schließlich entschied sie sich für schwarz-blau. Auf dem Weg zur Kasse fand sie noch dunkelrote Duftteelichter, die natürlich auch gleich mitmussten, passten schließlich zu ihren Grabkerzen in ihrem Zimmer daheim, auf die sie ganz stolz war. Als sie dann bezahlt hatte (ja, sie hatte es sogar bezahlt!), kamen ihr einige von der Parallelklasse entgegen. Amelie musste ihnen natürlich sofort voller Stolz ihre schwarze Tönung präsentieren, und mitteilen, dass sie sie gleich nachdem sie im Schullandheim angekommen ist, diese Tönung draufmachen wird. Sicherlich waren alle schwer dafür interessiert.

Inzwischen wurde es draußen unerträglich heiß und die drei Mädels beschlossen, in Richtung Schullandheim zurückzukehren, auf dessen Weg sie auch noch Susanne treffen mussten. Dieser Weg zurück verlief neben dem Rhein. Irgendwo fanden sie sogar eine Stelle, an der sie zum Wasser gelangen konnten. Diese Gelegenheit ließen Jana und Amelie sich natürlich nicht entgehen uns rannten unmittelbar zum Wasser. Sandra und Susanne kamen eher langsam nach.

„Los jetzt, wir wollen heim!“, begann Sandra nach einer Weile zu nörgeln. Stimmt, es war immer noch viel zu heiß. Trotz dem Verlangen, jetzt noch am Wasser plantschen zu müssen, gingen sie weiter.

Angekommen, war natürlich wieder ihre Zimmertür abgeschlossen.

„Welcher Idiot macht so was eigentlich? Und wo zur Hölle ist der verdammte Schlüssel?! Irgendjemand muss den doch haben hie im Haus! Und wo ist eigentlich die Schmied?“, regte sich Amelie aus.

„Oh mein Gott, stell dir mal vor die wäre mit ins Freibad gegangen!“, meinte Sandra entsetzt.

„Ich hab vorher mit ihr gesprochen, sie ist mit ins Freibad“, bejahte Susanne Sandras Aussage.

„Wäre da überhaupt noch Wasser im Becken wenn die schwimmen geht?“, fragte Jana todernst. War wieder typisch für Jana dass so was kam, doch dafür liebten sie alle sie so. Wenn da nicht die Eifersucht wäre, die Amelies Gefühle für die Freundschaft zu Jana einschränkten, würde es ihr um einiges besser ergehen. Doch immer und immer wieder war eben dieses Gefühl da, man könnte ihr Sandra wegschnappen. Sie war abhängig, wahrscheinlich dachte sie sich dass sie vollends allein dastehen würde, ohne die Freundschaft zu Sandra. Ohne ihre Hilfe, die sie viel zu spät erst realisierte. Was mit Jana ist? Jana war eben da, und sie wurde auch sehr gemocht von Amelie, doch es war ihr nichts so viel wert wie Sandra, für die sie ehrlich alles getan hätte. Doch ihr vielleicht wenigstens etwas Freiraum zu lassen, auf die Idee wäre sie ohne einige gewisse Ereignisse niemals gekommen. Und dies war wahrscheinlich der Grund, der die Zwei zum Abstand zwang. Immer hatte Amelie gedacht, dass es ihr Aussehen war, welches Sandra dazu brachte, sie zu „hassen“, wie sie es bezeichnete. Zum ersten Mal fühlte sie sich wohl in ihrer Haut, so wie sie sich gab. Doch auf der anderen Seite… Sie wurde in zwei Hälfen gezerrt. In die eine Hälfte, die zu Sandra stand, und natürlich in die andere Hälfte, die es bitterlich versuchte, zu sich selbst zu stehen. Wenn sie das wirklich tat, woher dieser Selbsthass? Weil die andern sie nicht akzeptierten wie sie aussah? Realitätsgemäß waren das nur die, die sie nicht wirklich kannten, die sie nur sahen und sich dachten „wie kann man nur“. Doch in ihren Gedanken war es die ganze Welt, die sich gegen sie verschwor. Und so sank sie tiefer und tiefer. Dramatisierte ihre eigene erfundene Dramatik. Zerschmetterte ihre eigene „Traumwelt“, das einzige was ihr war. Ihr einziger Zufluchtsort, ihre Gedanken.

Schließlich ergab sich dann doch noch jemand, den Vieren aufzuschließen. Das erste was Amelie machte, war wieder ab ins Bett, wie schon am Vortag, die verstümperte rot-weiß karierte Bettdecke, bei der sie es nicht mal wirklich auf die Reihe brachte sie zu beziehen, drüber und Die Stöpsel in die Ohren, um die zwei Lieder von Janas CD-Player anzuhören. Das eine Lied davon war einfach nur göttlich. Dann kam sie wieder auf ihre Idee von gestern. Stöpsel aus dem Ohr und los.

„Hey, wie machen wir es jetzt eigentlich mit dem Gläserrücken heute Abend? Die nötigen Kerzen hab ich ja schon!“

„Was ist Gläserrücken?“, fragte Jana verdutzt.

„Oh mein Gott, Jana was geht bei dir ab?“ Sandra schaute sie fragend an, ob das jetzt wohl Ironie oder ihr voller Ernst war. Wie sich rausstellte wusste Jana wirklich nicht, was es war, also bestand sie unbedingt darauf, dass man es ihr sofort erklärt. Zu Amelies Verwunderung wusste Susanne fast schon mehr Bescheid darüber als sie selbst. Sie fühlte sich blamiert, und gerade noch Susanne! Aber die freute sich sogar sehr darauf und war noch begeisterter davon als gestern.

„Der Schullandheimaufenthalt hier könnte ja gar nicht mal so schlecht werden…“, dachte sich Amelie und rieb sich dabei in Gedanken die Hände.

Sie beschlossen alle, es erst zu machen, wenn all die andern schon schlafen würden. Das würde das Beste sein.

Amelie wollte unbedingt noch vor dem Abendessen ihre Haare machen, dass sie beim Essen dann alle überraschen konnte. Als dann alle schon unten im Speisesaal waren, war Amelie immer noch vor dem Waschbecken und schaute sich im Spiegel an. Sie hatte die Packung schon auf ihren Haaren und wartete bis es eingewirkt hatte. Sie blickte sich tief in die Augen, die vom Haarwaschen fast abgeschminkt waren. War das Mädchen gegenüber von ihr wirklich sie? Erkannte sie sich nicht weil sie ungeschminkt war? Ist es wirklich schon so weit mit ihr gekommen, dass sie sich so an ihre Maske gewöhnt hatte, dass sie sich nun selbst nicht mehr erkannte? Oder sieht sie jetzt einfach nur ihr wahres Gesicht, und erkannte sich die ganze Zeit unter ihrer Maske nicht? Mit diesen Gedanken brach wieder mal eine Welt für sie zusammen. Sie hielt es nicht mehr aus, wie es weitergehen sollte mit ihr konnte sie sich selbst nicht mehr beantworten. Leider kannte sie nur diesen einen Ausweg, der sie wohl oder übel nicht nach vorne brachte, sondern nur zurückwarf. So weit zurück, dass sie wieder von vorne anfangen musste.

„Wo ist diese verdammte Klinge?“, fragte Amelie sich selbst und kramte nervös und angespannt in ihrem Geldbeutel. Verdammt wo war sie?! Sie wurde immer hektischer. Da, gefunden. Sie rannte in den Zwischenraum, ab in die Dusche, Türe zugeschlossen. Ihr Blick fiel nicht auf ihren Arm sondern nach oben, wie als ob sie dort vielleicht Hilfe finden könnte. Warum konnte all das nicht aufhören… Diese Kraft, die sie jedes Mal benötigte um weiterzumachen, und ein weiteres Mal von vorn anzufangen, sie verschwamm immer mehr. Sie wusste natürlich dass es falsch war, was sie tat. Ihre Kraft um von Neuem weiterzukämpfen war jedes Mal da, was wahrscheinlich an dem Grund selbst lag, doch die Kraft reichte nie und nimmer aus, um aufzuhören. Wo sollte es auch herkommen? Schwankend trat sie aus der Kabine. Warum zur Hölle hatte sie es wieder gemacht? Die Schuldgefühle überwiegten das Glück, das sich jetzt normalerweise in ihr ausbreiten sollte. Einmal, auch nur einmal  wollte sie stark bleiben, stärker als ihr Verlangen sein, obwohl das eigentliche Verlangen darin lag stärker als ihr Inneres zu sein. Wieder trat sie vor den Spiegel, blickte in ihr Gesicht. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen. Ihre Tönung war noch nicht eingewirkt, also musste sie wohl oder übel so hinunter zum Essen, sie war eh schon viel zu spät dran. Das würde wieder Ärger von der Schmied geben. Das war aber momentan ihr kleinstes Problem, zuerst einmal sollte sie mit sich selbst klar kommen. Dann begab sie sich doch noch in den Speisesaal. Alle Augen fielen auf sie als sie eintrat. Die Schmied schaute die nur grimmig an, sagte aber ersteinmal nichts. Das Essen schmeckte ihr nicht, besonders an diesem Tag nicht. Was war das nur? Diese Atmosphäre von gestern war immer noch da. Und auf die grimmigen Blicke von der Schmied konnte sie auch verzichten, also versuchte sie so schnell wie möglich nach oben zu kommen um ihre Haare auszuwaschen, die Tönung wäre eh schon längst eingewirkt.

Später ging Amelie dann noch einen Stock höher zur Parallelklasse. Immer die gleichen Leute im Gang regten sie auf. Außerdem hatten einige der Parallelklasse mit Abstand das tollste Zimmer. Also saß sie dort oben bei den wenigen anderen, und redete noch eine Zeit lang mit ihnen. Später kam dann noch Sandra dazu. Der Abend mit den anderen war ganz nett, wenn da doch nur nicht immer diese verdammten Gedanken an Annette und Mark wären. Den Grund warum sie an Annette dachte wusste sie nicht. Bei Mark war es eher der Gedanke, wie sie am Besten alles beenden könnte mit ihm. Sie hatte Angst vor seiner Reaktion. Und Annette könnte sie niemals mehr zurückgewinnen. So naiv war auch sie nicht.

Gegen 21.00 Uhr kam dann Herr Schlosser, der Klassenlehrer der Parallelklasse, und schickte Amelie und Sandra nach unten in ihr Zimmer. Bald konnte es losgehen. Susanne und Jana befanden sich schon im Zimmer und hatten inzwischen sogar schon etwas aufgeräumt, oder zumindest die Sachen auf dem Boden in die Ecken geschmissen.

„Okay…“, sprach Amy zögernd. Zugegeben, sie hatte etwas Angst vor dem was sie gleich erwarten würde, was auch berechtigt war. Gläserrücken, sie hatte es noch niemals zuvor ernsthaft gemacht. Zumindest nur allein in ihrem Zimmer. Mehr nicht.

„…Wollen wir anfangen…?“, fuhr sie dann gedankenverloren fort. Die andern machten eine zustimmende Geste.

„Susi kannst du bitte schon mal die Buchstaben von A-Z, die Zahlen 0-9 und  „ja“ und „nein“ aufschreiben und ausschneiden? Danke, das wäre lieb. Ihr zwei könntet ihr helfen! Hat von euch jemand ein Glas?“

„Nein, aber da ist am Waschbecken noch das Glas für die Zahnbürsten“, antwortete ihr Jana. Susanne schnitt inzwischen schon die Buchstaben aus, Sandra holte das Glas und Jana setzte sich auf den kalten Steinboden. Amelie setzte sich zu ihr. Als Susanne ihr die Schnipsel gab, breitete sie sie auf dem Boden aus, legte sie sauber in einen Kreis, am Rand die Buchstaben, im Innern die Zahlen und neben den Ziffern noch die Zettel mit „ja“ und „nein“. Dann stellte sie das Glas mit dem Boden nach oben in die Mitte des Kreises.

„Irgendetwas fehlt noch… “, fiel Amelie auf.

„Die Kerzen, oder?“, half Sandra nach. Stimmt, die Kerzen. Amelie stand auf, machte die Packung auf, holte einige der dunkelroten Teelichter heraus und stellte auch diese im Kreis auf.

„Sandra, wo hast du dein Feuerzeug von gestern?“ Sandra holte es und zündete die Kerzen an. Amelie ging in der Zeit schon mal zum Lichtschalter und löschte das Licht. Sie blickte auf den Boden. Es sah wundervoll aus. Wundervoll gruselig.

„Dieser Abend wird genial werden…“, dachte sie sich, dann setzte sie sich zu den andern.

„Haben wir nicht noch etwas vergessen?“, fragte Susanne, die wieder mal total in ihrem Element war.

„Ah, stimmt, wir sollten noch ein Pentagramm auf den Boden malen.“, meine Amelie.

„Das wird wohl das Beste sein. Amy, holst du kurz noch einen Stift?“, sagte Susanne, die aufstand um Janas Dolch zu nehmen, den diese eigentlich zum Schnitzen dabeihatte. Amelie kramte in ihrem Mäppchen nach einem Bleistift. Nachdem sie ihn endlich gefunden hatte, malte sie ein kleines Pentagramm auf den Boden.

„Ähm, Susi, was willst du mit dem Dolch?“. Jana war entsetzt. Sie hasste es wenn jemand ihren Dolch anfasste.

„Die Geister beschwören, wieso?“ Jana und Sandra mussten sich das Lachen verkneifen. Sah auch ganz amüsant aus, wie Susi in ihrem knallengen rosa Oberteil wie eine Presswurst mit dem Doch in der Hand dastand und sagte dass sie Geister beschwören will. Doch Amelie war gar nicht zum Lachen, sie nahm die Situation todernst, genauso wie Susanne. Jana und Sandra fanden es einfach nur lustig. Amelie räusperte sich laut hörbar. Es wurde ruhig im Zimmer, ja, sogar Jana und Sandra schwiegen, oder sie versuchten es zumindest. Susanne stellte sich mit dem Dolch in die Mitte des Kreises. Amelie hatte natürlich keine Ahnung wie so eine Beschwörung wirklich funktionieren sollte, deshalb schickte sie schön Susanne vor.

„Im Namen der Geister des Nordens und des Wassers, des Südens und des Feuers, im Namen der Geister des Ostens und der Erde und im Namen der Geister des Westens und der Luft, hiermit rufe ich euch auf, am heutigen Abend in diesem Kreise teilzunehmen. Wir werden euch gehorchen und euch verehren!“, flüsterte Susanne laut und verbeugte sich. Wenn Amelie es ganz ehrlich zugeben musste, war es schon etwas lächerlich und vor allem übertrieben. Aber wenn Susanne es so wollte, sie selbst hatte eh keine Ahnung wie es wirklich ginge, Sandra sowieso nicht und Jana wusste davor nicht einmal wirklich was Gläserrücken überhaupt ist. Susanne setzte sich links neben Amelie, auf der rechten Seite saß Sandra und gegenüber Jana.

„So, und was jetzt?“, fragte diese laut.

„Psst verdammt! Wir brauchen absolute Ruhe jetzt! Wir wollen die Geister ja nicht verärgern, oder?“, flüsterte Susanne in einem scharfen Ton. Sandra warf einen verdutzten Blick in die Runde.

„Oh mein Gott, sind die jetzt da?“

„Das wird sich jetzt rausstellen…“, meinte Amelie geheimnisvoll.

„Susanne, die erste Frage sollte sein ob sie nun anwesend sind oder nicht, oder?“ Diese nickte nur, und Amelie begann zu fragen. Alle Vier legten ihren Zeige- und Mittelfinger auf das Glas. Wie von allein begann es auf dem Boden zu schweben. Eindeutig blieb das Glas vor dem Zettelchen mit dem „Ja“ stehen. Anfangs zweifelte Amelie daran, dass es wirklich ernst sein sollte, es wäre ja eigentlich nur logisch, dass wenn alle die Hand darauf haben, es irgendwann beginnt aufgrund der Willenskraft der Vier zu einer Antwort zu tendieren. Oder? War es wirklich so logisch? Sandra und Jana machten sich dieselben Gedanken und begannen darauf wieder zu lachen, was aber sogleich von Susannes Zischen unterbrochen wurde.

„Es wäre am besten wenn wir fragen ob wir beginnen dürfen oder?“ Amelie war verunsichert. Spätestens als im selben Moment alle Kerzen begannen zu flackern, und wie sogar. Doch sie konnten alle schwören, dass das Fenster zu war und sonst auch nirgends ein Zug herkommen konnte.

Auf die Frage ob sie nun beginnen durften, legten die Vier ihre Finger wieder auf das Glas. Amelie konnte, obwohl sie es sich selbst nicht eingesehen konnte, etwas in sich spüren. Eine Art Kraft, die sie dazu trieb das Glas in eine bestimmte Richtung zu schieben. Aufgrund der verwirrten Blicke der anderen konnte sie schließen dass sie wahrscheinlich ziemlich das gleiche spürten. Da war sie wieder, die Unsicherheit, die pure Angst. Doch wovor hatte sie Angst? Vor diesem lächerlichen Glas, da übrigens im Moment wieder zu „Ja“ glitt? Vielleicht sollten sie das Ganze doch lieber abbrechen. Aber so schnell würde es auch nicht gehen. Mit diesen Gedanken begannen die Kerzen erneut zu flackern. Verdammt… Sandra wurde immer ruhiger, ihre Blicke immer seltsamer. Niemand realisierte es zu Beginn, da sich noch alle mit ihrer eigenen Angst auseinandersetzen mussten. Die nächste die fragen durfte war Susanne. Das Glas schwebte wieder wie von selbst zu einer Antwort. Doch diesmal nicht zu „Ja“ oder „Nein“, sondern zu Buchstaben. Amelie holte schnell einen Zettel und schrieb das Wort auf. Es wurde unheimlicher und unheimlicher. Nun kam Jana dran, die jedoch nur etwas Belangloses fragte. Und trotzdem kam es zu einer Antwort. Amelie war mit dem Gefühl dass es dunkler wird im Raum sicher nicht allein. Sandra realisierte alles kaum noch. Sie war total in Gedanken versunken, wie in einer Art Trance, sagte nichts mehr. War einfach ruhig. Niemand hatte es zuvor gemerkt. Bis sie letztendlich dran sein musste mit dem Fragen. Sie sagte nichts, verzog keine Miene. Amelie bekam es schon mit der Angst zu tun, da sie nichts sagte und sich nicht bewegte.

„Hallo? Sandra? Jetzt frag verdammt noch mal die Geister, sie werden sonst sauer!“ Susanne schrie schon fast. Es war unheimlich. Sandra schaute Susanne nur an, sagte nichts.

„Mein Gott, Sandy was ist los mit dir?“ Amelie machte sich Sorgen um sie. Doch ihr Blick wanderte nur langsam zu ihr. Seelenruhig schaute sie Amelie in die Augen. Doch so seelenruhig war es nicht einmal. Amelie hätte schwören können, da eine Träne in Sandras Auge erwischt zu haben. Amelie merkte es, Sandra wollte schreien.

„Amy, ich hab Angst!“, war ihr einziger Satz seit langem.

„Ich will nicht weitermachen! Lass uns aufhören!“. Sie flehte schon fast.

„Wir können nicht aufhören… Jeder sollte zuerst seine Frage gestellt haben“, sagte Susanne.

„Du Sandra…“, fuhr sie fort, „…Es gibt auch Körperschlüpfer…“

„WAS?! Was zur Hölle ist das?“, rief Sandra entsetzt. Amelie konnte die Tränen, die in ihren Augen standen, jetzt deutlich erkennen. Susanne sprach weiter:

„Körperschlüpfer sind bösartige Geister, die sich einen Körper aussuchen, der mit in der Runde sitzt, und dann in ihn einkehren. Was sie mit einem machen, weiß keiner so recht. Verdammt…“

„Was?“, jetzt meldete sich auch Jana mal zu Wort. Amelie konnte schon gar nichts mehr sagen vor Angst.

„Wir müssen etwas falsch gemacht haben… Körperschlüpfer kommen nur, wenn man die Geister verärgert hat. Sie werden böse auf uns sein… Verdammt! Und jetzt frag endlich was, Sandra! Sonst wird es noch schlimmer als dass es ohnehin schon ist! Frag einfach ob es ein Körperschlüpfer jetzt ist oder nicht…“

Sandra fragte mit zitternder Stimme. So hatte Amelie sie noch nie erlebt. So verängstigt und so schwach, normal hatte sie immer das Bild einer selbstbewussten, starken Sandra vor sich, doch jetzt konnte sie neben sich nur ein kleines Häufchen Elend erkennen. Die Kerzen begannen erneut dermaßen zu flackern, dass es schon nicht mehr normal zu sein schien.

Alle legten wieder die Finger auf das Glas, welches sofort zu „Ja“ schwebte.

„Na toll! Und jetzt?! Ich will aufhören mit dem Scheiß! Das bringt es doch sowieso nichts mehr!“ Das war nicht nur Angst in Sandras Stimme, es war pure Verzweiflung und etwas Aggressivität. Amelie machte sich inzwischen ernsthafte Sorgen um sie. Was hatten sie nur gemacht… Was hatte sie nur gemacht?! Es war alles ihre Schuld! Zum Glück unterbrach Susanne ihre Gedankenvorgänge.

„Okay, jeder von uns hat jetzt eine Frage gestellt. Ich denke das sollte reichen. Das Beste wäre es, jetzt einfach zu fragen ob wir aufhören dürfen. Amy, du bist dran…“

Amelie fragte so vorsichtig es auch ging, legte ihre Finger auf das Glas, was die andern ihr nachtaten. Langsam aber sicher kam es zur Antwort:

„NEIN“.

Verdammt, verdammt, verdammt. Nun hatte auch Susanne Tränen in den Augen stehen.

„Ich pack es nicht mehr…!“

„Ja super, denkst du ich vielleicht?“, regte sich Sandra auf. Jana blickte einfach nur in die Runde und dachte sich ihren Teil dazu. Man konnte aber auch ihr ansehen, wie viel Angst in ihr steckte. Natürlich wollten alle aufhören. Es bereitete ihnen viel zu viel Angst. Angst vor den okkulten Mächten, die sie nicht sehen konnten. Angst vor der Fähigkeit dieser Mächte. Das Gefühl war schrecklich. Diese unsichtbare Anwesenheit. Wieder frage Amelie mit langsamer, zitternder Stimme ob sie aufhören dürfen. Und wieder die gleiche Antwort wie zuvor.

„Ich sollte besser etwas anderes fragen, wir sollten es nicht noch schlimmer machen, indem wir immer öfter fragen ob wir nun aufhören dürfen oder nicht“, meine sie dann letztendlich entschlossen. Also fragte sie etwas über die nähere Zukunft. Ob der Stecher nun bei Karen bleibt oder nicht. Und wie lange er noch bleibt. Auch darauf bekam sie eine Antwort. Die Vier entschieden sich, diese Runde nochmals zu machen. Jana fragte wieder mal etwas Belangloses und Sandra wollte die Bedeutung ihres Traumes wissen, den sie zuvor hatte. Das Glas rückte immer brav zu der passenden Antwort. Dann war Amelie wieder an der Reihe.

„Dürfen wir jetzt aufhören?“ Sie war nervös, angespannt, hatte die Angst tief in sich sitzen. Alle legten ihre Finger erneut auf den Glasrücken. Erst tendierte es langsam wieder zu „nein“, doch dann schien es sich doch noch anders zu entscheiden. Es bewegte sich nun sehr schnell zu dem kleinen Zettelchen, auf dam das „Ja“ geschrieben stand. Die Erleichterung, die sich ab diesem Moment ausbreitete konnte man unschwer an allen erkennen. Amelie fühlte sich frei, und sogar Sandra begann wieder etwas zu lächeln. Doch eins war da noch…

„Susi, was haben wir falsch gemacht, und was zur Hölle hat das für Folgen?“ Amelie war noch immer unwohl. Sie schaute Susanne in die Augen, die sie nachdem sie das fragte nur entsetzt anschaute und meinte sie wisse es nicht, wir bräuchten dazu schon ein Buch über Magie. Volltreffer! Glücklicherweise hatte Amelie als sie daheim ihrem Koffer gepackt hatte etwas mitgedacht. Sie hatte ihr Buch über Weiße Magie dabei. Als sie es holte, schnappte Susanne es sich und setzte sich damit auf einen Stuhl. Lange Zeit saß sie da und las. Diese Minuten waren nervtötend, und das nicht nur für Amelie. Endlich schaute sie auf.

„Wir haben sie tatsächlich falsch heraufbeschworen… Die Reihenfolge in der ich  sprach war falsch…“, stieß sie hervor. Hass, nichts als Hass. In diesem Moment hätte Amelie Susanne den Hals umdrehen können, und das nicht nur einmal. Wie konnte sie nur? Was sollte das?

„Spinnst du eigentlich?!“, kam ihr dann Jana zuvor.

„Es tut mir so verdammt leid!“ Susanne hatte wieder Tränen in den Augen.

„Aber wir können es rückgängig machen… Allerdings…“

„Was allerdings?!“ unterbrach sie Amelie. Sie war so wütend auf sie wie noch nie zuvor. Jetzt war ihr klar geworden warum sie sie schon immer hasste.

„Lass mich doch erstmal ausreden! Wir könnten es rückgängig machen, allerdings brauchen wir irgendeine Substanz von diesem Zimmer hier, irgendwas, was dazu gehört, um das Zimmer von den Geistern zu befreien.“

„Ja super, und wo liegt das Problem jetzt? Wir könnten doch auch einfach Staub nehmen, liegt doch genug rum hier“ Amelie war begeistert. So lange es nur Staub oder irgendeine Existenz aus dem Zimmer hier ist, ist alles okay, dann muss sich schon keiner die Hand abhacken oder dergleichen.

„Das ist noch nicht alles. Wir brauchen Blut von einem hier der mitgespielt hat“, fuhr Susanne fort.

„Gut, okay, solange es nur Blut ist, werd ich das machen. Wie viel Blut muss das sein…?“ Amelie hätte in diesem Moment fast alles gemacht, nur dass sie heil aus der Sache rauskommen. Hauptsache es passiert keinem etwas. Von dem her waren ein bis zwei Tröpfchen Blut, was Susanne antwortete, gar nichts.

„Wo kommt das alles hin? Ich meine, Amy kann ja schlecht auf den Boden bluten!“, fragte Jana.

„Es kommt in das Glas. Jana, such du mal eine Staubflocke. Amy… Wie willst du es machen?“

„Das sollte kein Problem werden.“

Susanne stellte das Glas wieder richtig rum hin und Jana schmiss ihre Staubflocke hinein, die sie unter Sandras Bett gefunden hatte. Amelie hatte in dieser Zeit die Klinge aus ihrem Geldbeutel herausgeholt. Sie schauten sich alle nochmals an. Dann schnitt sie langsam in ihr Handgelenk. Es war nur sehr oberflächlich, da sie sich von den andern so beobachtet fühlte. Nach wenigen Sekunden begann das Blut langsam hervorzutreten. Schweigend versuchte sie umständlich, das Blut irgendwie in das Glas zu bekommen. Langsam rann der Tropfen an dem Glas hinunter und hinterließ seine rote Spur.

„Schmeiß die Klinge mit ins Glas, da ist auch noch Blut dran“, sagte ihr Susanne. Amelie ließ die Klinge in das Glas fallen. Der Augenblick schien ewig zu gehen. Sie fiel, und fiel, und fiel. Im Zimmer war es totenstill. Zu hören war nur der klimpernde Aufschlag auf dem Boden des Glases.

„AAH! Hat jemand von euch da drüben ein Pflaster?!“, schrie eine aus dem Nebenzimmer. Was zur Hölle sollte das jetzt? Wieso brauchten die jetzt ein Pflaster? Entsetzt schaute Amelie in die Runde.

„Ich werde kurz nachschauen…“

„Oh Gott, pass bloß auf dass das hier keiner sieht, ich hab kein Bock darauf dass ich das denen auch noch erklären muss…“, meine Sandra darauf. Amelie ging vor zu der Tür, die ihr Zimmer mit dem anderen verband. Rieke, Lisa, Anna, Svenja und der Rest vom anderen Zimmer standen vor ihr. Rieke versuchte in das Zimmer von Amelie zu spähen, indem immer noch die Kerzen brannten und der Rest eben auch noch auf dem Boden war. Amelies blutendes Handgelenk war auch nicht zu übersehen.

„Oh mein Gott was macht´ n ihr da?“ Rieke schaute Amelie entsetzt und geschockt an, die jedoch sofort die Tür zu dem Zimmer zuzog und mit den Mädels des Nebenzimmers in dem kleinen Trennraum vor der Duschkabine stand.

„Ist doch jetzt auch egal!“

„Nein ist es nicht, was soll das in eurem Zimmer?“

„Warum braucht ihr ein Pflaster?“ Amelie wurde nervös. Ablenkung war auch noch nie ihre Stärke.

„Was hast´ n du überhaupt gemacht? Du blutest ja auch!“, fiel Rieke auf. Sie war jetzt nur noch die einzige, die mit Amelie in dem Raum stand.

„Wir haben uns die Beine rasiert und auf einmal sind alle fast gleichzeitig abgerutscht und haben sich geschnitten.“, erklärte ihr Rieke, nachdem Amelie ihr keine Antwort auf Riekes Frage gab. Verdammt. Und die Schreie aus dem Nebenzimmer kamen genau in dem Moment, indem die Klinge auf den Grund des Glases gefallen war.

„Ich muss wieder rüber…“, sagte Amelie, als sie aus ihrem Zimmer Schreie und Geflüster vermutete zu hören.

„Was macht ihr da eigentlich jetzt? Jetzt weiß ich es immer noch nicht!“ Warum musste Rieke eigentlich immer so neugierig sein?

„Lass es einfach, okay? Lass es, es geht euch alle nichts an.“

„Oh doch das tut es, wenn ihr meint ihr müsstet hier im Schullandheim Satan heraufbeschwören!“ Satan? Das war ja wohl das Lächerlichste was Amelie je gehört hatte. Satan heraufbeschwören…  Mit einem herausgedrückten Grinsen verschwand sie einfach wieder in ihrem Zimmer und ließ Rieke stehen. Inzwischen hatten die anderen das Licht wieder angemacht. Zum Glück. Das Glas mit dem Staub und dem Blut stand am Waschbecken. Susanne meinte noch, da sollte Weihwasser mitrein. Gut okay. Doch als sie dann dazusagte, dass sie das selbst weihen will, musste Amelie sich das Lachen erneut verkneifen. Gerade noch Susanne, wie als ob die das könne. Na ja, soll sie nur machen, solange danach wieder alles so ist wie vorher.  Das war Amelies einziger Wunsch, der ihr, wie sie aber bald erfahren würde, nie in Erfüllung gegangen ist. Die Kerzen brannten noch immer und die Ziffern und Lettern waren auch noch nicht weggeräumt worden.

Plötzlich ging die Tür zu der Duschkabine und Toilette auf.

„Ach du Scheiße!“, riefen einige aus dem Nebenzimmer. Na super, die Nachricht hatte sich ja schnell verbreitet. Amelie rannte sofort zur Tür und schloss sie. Was fällt denen überhaupt ein? Was sollte das? Noch nie was von anklopfen gehört?

„Okay Leute, wir räumen jetzt sofort das Ganze hier weg!“ Zum Glück taten die anderen schnell, was sie sagte, bliesen die Kerzen aus, schmissen all die Zettelchen in den Papierkorb und stellten die halb ausgebrannten Kerzen auf den Tisch, der ohnehin schon überfüllt war. Wo hätte man auch schon das ganze Zeug, was auf dem Boden lag, hintun sollen, als man für den Abend aufgeräumt hatte? Jetzt sollte Amelie aber erstmals rüber gehen, um da einiges klarzustellen. Als Ausrede würde sie einfach etwas erfinden, war ja kein Problem. Als sie vor der Tür stand, hörte sie nur Geflüster, mehr nicht. Jedoch konnte sie kein einzelnes Wort, nicht einmal Bruchteile verstehen. Also klopfte sie an und trat darauf auch gleich schon ein. Alle standen um das Bett von Anna, die weinend darin lag. Sie blickte zu Amelie und begann, noch herzlicher zu weinen. Sie schrie schon fast.

„Was soll das jetzt?“ Amelie wusste weder ein noch aus. Wieso sollte Anna wegen ihr in Tränen ausbrechen? Ihr hatte sie doch nicht einmal was getan! An ihr würde sie sich nicht einmal die Finger schmutzig machen. Dann kam Rieke auf sie zugelaufen, um sie aufzuklären:

„Das mit euch vorher, was auch immer ihr da gemacht habt, hat sie ziemlich mitgenommen. Frag mich nicht, aber sie denkt ihr wolltet sie umbringen.“, antwortete diese auf Amelies Frage.

„Oh mein Gott. Wie kommt sie darauf?“ Mehr wusste Amelie nicht zu sagen. Das war mehr oder minder das Lächerlichste was sie bis dahin je gehört hatte, abgesehen von dem Satanheraufbeschwör-Thema da. Sie wolle jemanden umbringen, genau, und das tagtäglich.

„Du hasst sie und das weiß sie ganz genau. Als sie das mit euch da drüben mitbekommen hatte, hat sie es sofort auf sich bezogen, dass ihr irgendetwas mit ihr vorhabt, irgendwelche Magie gegen sie anwendet.“

„Es ist lächerlich. Ich könnte euch da was zeigen, aber sie würde es eh nicht verstehen!“ Mit diesem Satz ließ sie Rieke wieder stehen, rannte in ihr Zimmer, wo Jana und Sandra sie nur komisch anschauten, und kehrte mit ihrem Buch über Weiße Magie zurück, was ein gravierender Fehler war, wie sich rausstelle, als sie es Anna zeigte. Anna las nur das Wort „Magie“ und begann schon wieder heulend unter der Bettdecke zu verschwinden.

„Dir ist aber hoffentlich schon klar, dass Weiße Magie dazu angewendet wird, um Menschen zu heilen? Oder siehst du hier vielleicht noch irgendetwas über Schwarze Magie? Hör verdammt noch mal auf mit dem Geheule!“ Doch Anna tat es nicht. Darauf versicherte Amelie hoch und heilig, so lächerlich sie es auch fand, sie nicht umbringen zu wollen. Zuvor hätte sie niemals gedacht dass sie je so etwas versprechen würde, besonders nicht, dass man das versprochene ernst nehmen wird. Bald wurde es ihr zu dumm. Nachdem sie denen im Nebenzimmer x-mal erzählen musste, dass es nur ein „Partyspiel“ gewesen sei, und keine Satansbeschwörung, ging sie wieder rüber in ihr eigenes Zimmer, wo Jana und Sandra sie schon erwartet haben.

„Was haben die gesagt?“

„Was ist los?“

„Warum drehen die so durch?“

„Leute, jetzt mal eine nach der anderen“, versuchte Amelie sie zum Schweigen zu bringen. Sie erzählte ihnen von Anna. Sandra musste darauf nur lachen, Jana und Susanne fassten es genauso auf, doch deren Gelächter hielt sich in Grenzen. Sie hatten immer noch Angst. Und davon unbeschreiblich viel. Letztendlich setzten sich alle Vier auf das Bett von Sandra und redeten. Oder versuchten zumindest zu reden. Die meiste Zeit zitterten sie, oder brachten kaum etwas heraus vor lauter Angst.

„Das alles wird noch ein langes Nachspiel haben, ich sag es euch…“, meinte Amelie schließlich.

„Sag so etwas nicht…!“ Der Rest aus Susannes Satz ging in einem lauten Gähnen unter. In dem folgenden Gespräch entstanden Verbindungen, von denen Amelie nicht einmal wusste, dass es so etwas überhaupt gab oder je geben könnte. Es bildete sich ein ewiger Kreislauf, bei dem das Ende wiederum zum Anfang führte. So würde es niemals enden. Alles beginnt von vorn. Nichts hat ein endliches Ende. Die ganzen Antworten, die ihnen die „Geister“ des Gläserrückens gaben, hatten plötzlich Sinn und waren nicht nur zweideutig dahergesagt. Alles, was sie an diesem Abend erfahren hatten, baute auf den gleichen Grundsteinen und endete unter demselben Dach. Nun hatte doch alles Sinn, die Verbindung von Sandras Traum mit der verwirrenden Antwort des Gläserrückens, das Datum, an dem sich Karen und der Stecher trennen würden, die ganzen Zahlen, all das ergab einen Kreislauf und gehörte zusammen. Es war nicht zufällig, dass diese Vier gerade in diesem Schullandheim, um diese Uhrzeit, in diesem Zimmer  waren. Es war Schicksal. Und dieses Schicksal sagte ihnen, dass noch etwas Gravierendes geschehen wird in diesem Schullandheim.

„Ich geh pennen jetzt. Ich kann nicht mehr“, gab dann Susanne endlich von sich.

„Hallo? Du kannst uns doch jetzt nicht allein lassen? Was soll das?“ Sandra war entsetzt.

„Doch das geht. Ich will schlafen! Euch würde das auch nicht schaden, es ist schließlich kurz vor zwölf!“ Mit diesem letzten Satz verschwand sie in ihrem Bett. Wenige Minuten später konnte man sie schon schnarchen hören.

„So, jetzt sind nur noch wir da. Und es ist kurz vor zwölf…“

„…uuuh Geisterstunde…“, warf Jana ironisch ein.

„Jana hör auf! Ich hab jetzt ehrlich genug von Geistern…“

„Stell dich nicht so an, Sandra“

„Leute, ich hab ehrlich Angst…“, meldete sich Amelie zu Wort.

Sie redeten noch Ewigkeiten. Irgendwann kamen sie auf Tine.

„Aber schaut euch die doch mal an! Die ist doch eigentlich auch nicht wirklich normal, oder?“

„Vielleicht ist sie ja ein Dämon“. Eigentlich meinte Amelie das aus purem Sarkasmus, doch die Drei verfraßen sich so in diesen Gedanken, Tine sei ein Dämon, dass sie es später selbst noch glaubten. Den Grund warum sie das sein sollte, wussten sie auch nicht direkt, aber sie war halt eben dämonisch. Und Tine war dabei nicht mal die Einzigste: Der Stecher war ein Dämon, vielleicht ja auch Karen, einer ihrer Klasse war ein Dämon, weil er an „Satan“ glaubte, was auch immer er mit Satan meinte, und jetzt nicht mit ins Schullandheim ist. Er könnte ja ganz böse Sachen machen daheim, während all die andern im Schullandheim sind.

Doch etwas Gutes hatte die Sache schon. Amelie  und Sandra verstanden sich besser als zuvor. Sie zogen sogar Verbindungen von Amelie zu Sandra. Letztendlich kamen sie auf den Entschluss, dass Amelie gar nicht so „böse“ war, wie sie aussah. Sie war mehr oder minder nach der Meinung von Jana ein „Bote“ der „guten Mächte über ihnen“, der Sandra etwas mitteilen wollte, und der sie beschützen wollte, in jeden Lebenslagen.

Draußen regnete es erneut. Es war spät, viel zu spät. Jana, Sandra und Amelie waren noch nicht einmal annähernd müde. Doch sie mussten so langsam schlafen gehen. Morgen wird die Nacht früh um sein. Sie wären alle lieber eines qualvollen Todes gestorben, als jetzt noch mal aufzustehen, doch das musste sein, man musste sich schließlich ja noch umziehen, Zähne putzen und alles was noch dazugehört. Geprägt von Angst standen sie gleichzeitig auf, marschierten gleichzeitig in Richtung Waschbecken, wo noch immer dieses verdammte Glas mit Amelies Blut, dem Staub und der Klinge getränkt in dem „Weihwasser“, welches Susanne gebraut hatte als Amelie drüben im Nachbarzimmer war, stand. So schnell sie konnten zogen sie sich um und machten sich für die Nacht zurecht. Sie beschlossen alle Drei, für diese Nacht zusammen in Sandras Bett zu schlafen, dass sie nicht einsam sind und dadurch weniger Angst hatten. Amelie lag noch lange Zeit wach, in sich gekugelt und an Sandra und Jana gepresst. Nein, sie fühlte sich nicht eingeengt, im Gegenteil. Hätte es ihr Gewissen ihr nicht verboten, hätte sie sich sogar sehr wohl gefühlt. Aber die Angst war eben da, und sie konnte nicht dagegen ankämpfen. Was war das nur für ein Abend? Okkulte Geister, die sie auch noch falsch heraufbeschworen hatten. Sie hatte Angst, von diesen Geistern verfolgt zu werden. Verfolgt bis an das Ende ihrer Tage. Vielleicht noch darüber hinaus, wer weiß. Ach was, diese Gedanken warn lächerlich. Es gibt keine Geister. Dies alles war einfach nur pure Einbildung. Das Flackern der Kerzen. Diese Antworten. Das „Schweben“ des Glases. All die Zusammenhänge. Oder? War es sicher Einbildung? Wenn nicht, wäre sie in dieser Schlacht unbewaffnet. Sie hätte sie nur mit ihren eigenen Fäusten vorankämpfen und vielleicht gewinnen können, wenn sie nicht aufgegeben hätte. Sie hasste es zu kämpfen, für etwas, was sie nicht mit bloßem Auge sah. Doch wer nicht kämpft hat schon längst verloren.