Getötete Wiedergeburt

Auch in dieser Nacht quälten sie diese ewigen Albträume. Amelie wälzte sich in dem kleinen Fleckchen Bett, das ihr neben Jana und Sandra noch zur Verfügung stand. Diese hatten sich genau wie sie eingekugelt, um dem anderen noch mehr Platz zu lassen. Schließlich erkannte Amelie, dass eigentlich noch eine ganze Betthälfte frei war. Und niemand merkte es. Zufrieden legte sie sich in diese Hälfte und versuchte weiterzuschlafen. Die Gedanken an gestern waren verflogen, oder zumindest die angsterfüllten Gedanken. Die Sonne schien wieder mal, ein neuer Tag hatte begonnen. Für Amelie war es nicht nur ein neuer Tag, es war eine neue Chance, das, was gestern geschehen war,  nochmals mit dem Nachbarszimmer klarzustellen, dass die Gerüchteküche nicht weiterbrodelte. Eine neue Chance, auch die mehr oder weniger „guten“ Gedanken an den gestrigen Abend zu verdrängen. Glücklich machte sich auch der Gedanke, dass nichts Weiteres geschehen war, breit, das heißt, dass alle gut davongekommen sind und keine Schäden zurückblieben. Gut, vielleicht der kleine oberflächliche Kratzer an Amelies Handgelenk, aber Wunden verheilen. Und so oberflächlich wie der war, schien er auch später dann keine Narben zu hinterlassen.

Amelie wollte nicht wissen, wie spät es war. Natürlich musste es schon grässlich spät gewesen sein, da die Sonne schon wieder grell ins Zimmer schien. Das würde für sie heißen aufstehen zu müssen. Na super. Es war schrecklich für sie, da es normalerweise in ihrer Natur lag, lange auszuschlafen. Sie wollte nicht wissen wie schlecht gelaunt sie wieder sein wird wenn sie bald geweckt werden würde. Eigentlich wollte Amelie sich die Chance, den Rest richtig derb zu wecken, nicht entgehen lassen, brachte es jedoch nicht auf die Reihe da sie ihrer Müdigkeit wegen nicht in der Lage war, sich auch nur aufzusetzen.

Und schon begann dieses hässliche Lied zu ertönen, dieser hässliche Frosch, der immer in diesen Ringtoncharts sang, was eigentlich als Wecker gelten sollte. Na wundervoll. Wenn man nach dem Viech nicht aufwachen sollte, galten andere Maßnahmen. Dann erschien die Schmied. Und mit diesem Anblick wollte nach Amelies Meinung wahrscheinlich keiner den Tag beginnen. Also quälten sie sich alle aus der Mulde hinaus, die im Bett entstanden war. Jana und Sandra schauten Amelie nur entgeistert an, da sie die Hälfte des Bettes eingenommen hatte. Susanne wollte wieder mal nicht aufstehen, obwohl doch ein weiterer Tag anstand, um ihre Arroganz zu lieben. Dieser Tag würde der blanken Horror werden: Die gesamten zwei Klassen würden sich erneut in einen viel zu engen und überfüllten Bus zwängen und erneut wieder über zwei Stunden Fahrt ertragen müssen, und das auch noch nach Frankreich. Dazu kam es noch dass sie den ganzen Tag in einem Ecomusée  verbringen würden, das heißt, dass der Tag so gut wie rausgeschmissen war. Was auch immer es da geben sollte, Hauptsache es würde Essen geben, das war Amelies einzige Sorge. Und so begann der Tag eigentlich wie der Tag zuvor, nur mit mehreren Erinnerungen, die jedoch so gut es ging verdrängt wurden. Und doch hatte dieser Tag etwas Gutes: Amelie und Sandra verstanden sich besser als je zuvor. Wie das kam konnte Amelie sich wohl nur durch den Vortag erklären, dass alles sie zusammenschweißte, was auch immer da wirklich vorgefallen sein sollte. Amelie war sich da nicht mal mehr so sicher, dass es wirklich keine Geister geben würde. Die Verwirrungen verursachten ein Chaos in ihrem Kopf, das sie nicht ordnen konnte. Wo auch immer sie aufgehört hatte, sie mochte nie mehr dort anfangen. Wie an dem Tag zuvor ging Amelie in den Raum zwischen den beiden Zimmern, sperrte sich in die Dusche ein und versuchte sich so umständlich es auch ging umzuziehen. Als sie das dann endlich geschafft hatte, bemerkte sie anschließend  im Spiegel, dass ihre getönte Haarfarbe doch hässlich war, da dort immer noch ein Rotschimmer durchkam, aber sie wollte doch so unbedingt pures Schwarz. Na ja, konnte man jetzt auch nichts mehr dran ändern, also ab runter zum Frühstück, sie war ja eh schon wieder spät dran, und ein erneutes Verspäten und somit einen erneuten verachtenden Blick von der Schmied konnte sie sich nicht leisten. So setzte sie sich brav an ihren Tisch, konnte jedoch nichts Essen. Zu ihrem Glück war sie nicht allein am Tisch, Sandra, Jana, leider auch Susanne und deren „beste Freundin“ Yvonne saßen bei ihr. Aber das war im Moment auch egal. Trotz all den Verdrängungen konnte sie es nicht gebrauchen, jetzt allein zu sein, sie würde sich nur zu unwohl fühlen. Vielleicht hatte das am Vortag ja doch seine Richtigkeit…

Nach dem Frühstück füllten sie sich wieder Flaschen mit dem scheußlichen Tee ab, da sie ja noch immer nichts anderes in dem Schullandheim bekamen. Bald gingen auch schon alle Schüler hinaus um auf den Bus zu warten, der erst nach einer Ewigkeit, wie es Amelie erschien, kam, um alle ins Ecomusée zu bringen. Sandra, Jana und Amelie saßen alle auf einer Stange vor dem Schullandheim und beobachteten Tine. Sie regten sich tierisch über sie auf. All ihre Worte, all ihre Bewegungen, all ihre Taten, ihr Äußeres, alles war eben dämonisch an ihr. Und davon waren die Drei so überzeugt, dass sie begannen Tine zu verabscheuen, was Amelie eigentlich schon längere Zeit zuvor tat. Ihr war es grad Recht, vielleicht würde Sandra ja wieder damit anfangen, zu ihr zu kommen, wenn sie jemanden zum Reden bräuchte. Zum Glück kam letztendlich der Bus und unterbrach sie beim Lästern. Sandra setzte sich freiwillig neben Amelie, was diese unbeschreiblich freute. Amelie saß an Sandra angelehnt, zusammengekauert auf ihrem Platz und hatte die Augen zu. Verstandszerreißende Bilder spielten sich in ihrem Kopf ab, fesselten ihre Seele und drückten ihr die Luft ab. Verängstigt schaute sie auf zu Sandra, der es anscheinend nicht besser erging. Das Schaukeln der Busses riss die beiden wieder in die Realität zurück. Nach zwei Stunden Fahrt standen sie vor den Toren vom Europa Park. Natürlich schrieen alle Schüler wie wild durcheinander, dass sie jetzt sofort zum Europa Park wollen. Für einen kurzen Augenblick glaubte Amelie sogar, sie könnten die Lehrer überreden, was sich dann doch im Gegenteil erwies. Als der Bus um einiges später eine Brücke, die über den Rhein führte, überquerte, schaute Amelie aus dem Fenster. So, das war jetzt also Frankreich. Sie war noch nie zuvor dort gewesen. Viel Unterschied gab es dazwischen auch nicht. Der Bus fuhr eine lange, menschenleere Hauptstraße entlang, auf deren auf beiden Seiten aufgerissene Felder lagen. Amelie blickte an den Hochspannungsleitungen empor, die am Straßenrand standen. Ihr blieb fast der Atem weg.

„Sandra… Schau mal zu den Hochspannungsdingern da hoch!“, sagte sie während sie weißlich-grün im Gesicht wurde. Im Prinzip war daran nichts Besonderes zu sehen. Einige Raben, die sich breit machten, zu erwähnen währe vielleicht noch eine andere Konstruktion als in Deutschland, mehr aber nicht.

„Was soll mit denen sein?“, Sandra schaute sie verdutzt an.

„Findest du nicht auch, dass die aussehen, wie der Kopf eines Ziegenbocks?“, fragte Amelie.

„Oh, stimmt. Aber was soll daran so komisch sein?“

„Satan wird oft als Ziegenbock dargestellt, der exakt in das Pentagramm mit der Zacke nach unten reinpasst. Wird auch als Baphomet bezeichnet. Kannst du dich noch an das Pentagramm, welches ich gestern auf den Boden unsres Zimmers gezeichnet hab, erinnern? Meinst du, das alles könnte ein Zeichen sein…?“

„Amelie, das alles hier macht mir verdammte Angst!“. Nun war auch Sandra weiß im Gesicht. Amelie legte ihren Kopf wieder auf Sandras Schulter. Sie versuchte die Gedanken aus ihrem Kopf zu verbannen, doch das klappte schlecht. Die ganze Zeit musste sie an diese Hochspannungsleitungen denken, verband dies alles mit irgendwelchen Zeichen, die sie aus der Luft gegriffen hatte. Doch diese Symbole und Zeichen, die sie fand, waren für sie so standhaft, dass sie alles um sich herum zu vergessen schien. Später teilte sie Sandra ihre Überlegungen mit, die sich jedoch von jetzt auf nachher so anders benahm. Sie bezeichnete das, was Amelie sagte, als „lächerlich“, und meinte, Amelie sollte mit der ganzen Scheiße aufhören, es würde sowieso nichts bringen, und alles, was sie gestern Abend erlebt hatten, war nur aus ihren eigenen Gedanken entstanden und hätte alles keinen Sinn. Diese ganzen Verbindungen die sie gefunden hatten, wären alle lächerlich, da es eh niemals seine Richtigkeit haben würde und könnte. Amelie verstand die Welt nicht mehr. Was sollte das jetzt? Vor noch einer Stunde war Sandra total auf ihrer Seite, stimmte ihr zu. All das, worüber sie gestern diskutiert hatten, Sandra fand es genauso interessant wie Amelie, und sie war genauso begeistert von den Ideen wie sie. Und jetzt auf einmal hatte sie so schnell ihre Meinung geändert. Zu einem Teil verletzte es Amelie, doch die andere Seite freute sich darüber und war erleichtert, da das alles doch erfunden sein hätte könnten. Das ganze Übersinnliche, was Amelie nicht sehen konnte, machte ihr Angst. Von dem her war sie froh, dass es vielleicht nur ein Hirngespinst war, nur purer Zufall. Und mit diesem Gedanken setzte auch Amelies Überzeugung, dass es keinen Zufall, nur das Schicksal gibt, aus. Mit Sandra konnte sie jetzt auch nicht wirklich sprechen, sie würde es eh nicht auf die Reihe bekommen, einen anständigen Satz herauszubekommen, da sie doch noch immer ziemlich getroffen war. Amelie schloss die Augen. Einige Bilder schossen noch durch ihren Kopf, dann war Stille. Später wachte sie wieder durch eine Erschütterung auf. Sie waren angekommen. Vor ihnen stand ein großes Haus, welches man jedoch aufgrund einer Mauer nicht richtig erkennen konnte. Man sah nur die Front, und diese sah gleich schon mal schrecklich aus. Was Besseres konnte sie auch nicht wirklich erwarten, vielleicht paar französische Schafe, mehr aber nicht. Dazu mussten sie auch noch über eine halbe Stunde an der Kasse warten, anscheinend waren da noch andere Klassen, und ihre zwei Klassen waren auch nicht gerade wenig. Natürlich erhielten sie auch gleich wieder einen Fragebogen von Frau Schmied, den sie alle mit dem größten Entzücken annahmen. Amelie setzte sich auf einen Mauervorsprung. Sandra saß wieder mal bei Tine. Das mit gestern belastete sie anscheinend wirklich nicht mehr, oder sie unterdrückt es. Wenn es sie noch belasten würde, würde sie jetzt nicht bei Tine sitzen, denn noch wenige Stunden bevor war sie schwer davon überzeugt, dass Tine ein Dämon sei. Aber Amelie machte das schon gar nichts mehr aus. Es kam nur zu oft vor, inzwischen gewöhnte sie sich daran. Die Wunden waren schon längst zugewachsen, übrig nur die Narben. Von daher war es okay, Gewohnheit allein zu sein. Doch auch das änderte sich wieder, denn die kleine Blonde, von der sie noch immer den Namen nicht wusste, kam zu ihr her und redete mit ihr. Als Amelie dann auch noch ihr Vesper auspackte, war sie vollends glücklich. Und wie als ob es nicht noch besser kommen könnte, kam auch noch Sandra zu ihr her. Ihre kleine Welt hellte sich mit einem Mal wieder auf. Irgendwann erlaubte die Schmied ihnen dann, endlich loszugehen, um sich in diesem Hof umzusehen. Es sah alles aus wie ein kleines Bauerndorf, eigentlich sogar ganz nett. Aber was sie dort den ganzen Tag machen sollten, wusste sie auch nicht recht. Ziemlich in der Mitte des großen Hofes, um den kleinere Häuschen zum Besichtigen standen, befand sich ein großer Baum, der einem Kutscherwagen darunter Schatten gab. Amelie sprang natürlich sofort darauf, Sandra und Jana kamen nach. Auf dem Wagen saßen noch einige andere von ihrer Klasse und der Parallelklasse, die alle angestrengt miteinander sprachen. Plötzlich kam Sandra mit so einem geschockten Gesichtsausdruck zu Amelie, den sie noch nie an ihr gesehen hatte. Was konnte denn jetzt noch so schlimm sein? Sandra glaubte doch eh nicht mehr an das alles vom Vortag. Jana sagte dazu gar nichts mehr, sie wollte alles so gut es nur ging verdrängen.

„Amy, die gesamte Klasse und die ganze Para weiß es…“, hustete Sandra gerade noch so hervor.

„Was??? Was sollen die wissen?“ Amelie erschreckte sich. Da gab es nichts. Nein, wie kommt man darauf, da gab es rein gar nichts zu wissen. Und das was es zum Wissen gab, könnte sie und die anderen ins Grab bringen… Nur die Hoffnung stirbt zu letzt. Man konnte nur hoffen, dass es nichts mit dem Thema von Dienstag zu tun hat. Man konnte nur hoffen… Die Zeit zwischen Frage und Antwort schien Stunden zu dauern. Und schließlich öffnete Sandra ihren Mund, um zur Antwort zu kommen.

„Die glauben alle, wir hätten Satan aufbeschworen! ALLE! Die glauben, wir wollten Anna töten!“ Sandra war außer sich. Amelie fand es im ersten Augenblick noch lächerlich, wie naiv die doch alle waren. Doch im nächsten Moment schaute das alles doch nicht mehr so rosig aus.

„Was meinst du mit die alle? Ich bin doch gestern noch zu denen rüber und hab versucht alles zu klären! Was soll das? Wie kommen die da drauf? Ich hab ihnen sogar noch das Buch über Weiße Magie gezeigt! Sie waren danach alle wieder normal und dachten sich auch nichts weiteres mehr dabei! Verdammt… Woher weißt du das überhaupt? Was haben die zu dir gesagt?“ Sie war so aufgebracht, dass sie schon fast schrie.

„Mein Gott, beruhig dich erstmal wieder. Wird schon nicht so schlimm sein!“ Doch Janas Worte brachten Amelie jetzt auch nicht wirklich weiter.

„Oh doch, das ist schlimm! Ich hab´ s eben in der Para mitbekommen, wie die über uns geredet haben. Anna sei anscheinend überall herumgerannt und habe erzählt, dass wir gestern Satan beschwören wollten um sie zu töten, weil wir sie so hassen. Und sie denken wir hätten irgendwelche Dämonen mit Schwarzer Magie beschwört! Wir hätten mit unsrem Blut Totenköpfe an die Wand gemalt und uns geritzt und alles! Und du würdest an Satan glauben, und alle damit beeinflussen wollen und was weiß ich…“, sagte Sandra zitternd.

„Aber das kann doch gar nicht sein… Was soll ihnen das bringen, so was herumzuerzählen? Verdammt…“ Amelie wusste nicht mehr weiter. Natürlich wusste sie, dass man anderen glauben nicht sollte, zumindest bei Gerüchten nicht. Und sie dann noch weitererzählen, das war die Höhe.

„Von wem weißt du das eigentlich jetzt genau?“, hakte Jana nach. Also beschäftigte sie es doch.

„Tine hat mich vorhin angesprochen, was da eigentlich gestern bei uns war, darauf hab ich dann gefragt was sie damit meint. Sie hat mir dann alles erzählt, was sie so mitbekommen hatte, wie gesagt, von wegen Satan beschwören, und mit unsrem Blut Totenköpfe an die Wand malen, und so weiter“. Das wurde zu viel für Amelie. Die Gedanken, von jeden jetzt noch schiefer angeschaut zu werden, von jedem noch mehr verachtet zu werden. Die Gedanken, jetzt vielleicht auch noch ganz allein dazustehen. Doch Jana und Sandra befanden sich immerhin auch in ihrer Situation. Susanne war ja auch noch da. Also litt sie schon mal nicht allein. Aber was sollte ihr das schon nützen? Gar nichts. Mit den Gedanken schossen ihr die Tränen in die Augen. Sie wollte es gerade noch verhindern, doch es klappte nicht. Eine Träne rollte ihr die Wange hinunter. Und als ob diese eine Träne nicht reichen sollte, kamen Dutzende nach. Niemand bemerkte dass sie weinte. Sie saß dort im Schatten des Baumes. Sandra redete mit den Jungs aus ihrer Klasse und Jana war auch schon wieder verschwunden. Sie hielt es nicht länger aus.

„Sandra…!“, sagte sie schon fast schreiend. Nie war sie da. Und jetzt brauchte sie sie. Nein, sie war nicht für sie da. Die anderen waren wichtiger, den anderen ging es gut, die anderen nörgelten nicht die ganze Zeit. Die anderen waren perfekt, mit ihnen konnte man Spaß haben. Die anderen waren normal. Die anderen würden niemals Satan beschwören. Die anderen würden niemals jemanden töten wollen. Die anderen würden auch nicht Totenköpfe mit ihrem eigenen Blut an die Wand malen. Niemals. Die anderen waren einfach die Besten. Wie gesagt, perfekt. Und Amelie war es nicht. Sie war schuld an allem. Sie leitete alles in die Wege, sie beeinflusste alle. Amelie war abartig. Amelie war abnormal. Amelie war asozial. All das entstand aus dem „perfekten“ Wortschatz der anderen. Und noch immer rollten Tränen ihr über die Wangen, hörten nicht mehr auf zu fließen. Verließen ihren Körper einen Rinnsal bildend nach Richtung unten. Hinunter in den Schatten des großen Baumes und stürzten in die Tiefen der Dunkelheit. Sandra schaute Amelie nur schockiert an, fragte sich wahrscheinlich, was das jetzt solle und sie jetzt schon wieder weine. Doch dann geschah etwas, was Amelie in diesem Moment nie für möglich gehalten hätte: Sandra kam auf sie zu und umarmte sie.

„Wir schaffen das. Das ist doch kein Problem“, sagte sie, als sie ihren Kopf auf Amelies Schulter legte. Amelie fühlte sich gleich einen Kopf größer, sie konnte es kaum glauben, wie ihre Stimmung so schnell gehoben werden konnte. Auf einmal fühlte sie sich gleich wieder viel selbstsicherer, selbstbewusster und vor allem stärker, um einiges stärker. Sogleich beschloss sie, zu Anna hinzugehen, um sie anzuhauen, was das alles sollte, was sie trieb. Sie begann Anna immer mehr zu hassen. Und sie hasste es zu hassen. Sie hasste es, gehasst zu werden, hasste es geliebt zu werden von jemandem, der sie eigentlich nicht lieben sollte. Sie hasste es geliebt zu werden von jemandem den sie eigentlich „hasste“. Sie hasste es, nicht von der Person geliebt zu werden, von der sie es lieben würde, geliebt zu werden. Daher kam ihr Entschluss dass sie es hasste zu lieben, und so also liebte zu hassen. Auf irgendeinem Wege… Hass ist Liebe. Oder Liebe Hass? Vielleicht gibt es keine zwei Seiten. Alles sollte neutral sein, dann würde es weniger Problemchen geben, und allen würde es besser ergehen. Doch auch das wäre nur auf den ersten Blick anschaulich. Der zweite Blick würde dann doch verraten, dass es ohne Tiefen keine Höhen geben kann. Amelie verstand die Welt nicht mehr. Alles schien ihr so kompliziert, so unlösbar, als hätte sich auf ihrem Weg eine schwarze Mauer voll allein erbaut. Und doch brachte sie Sandras Umarmung und ihre wenigen Worte weiter. Sie schafften es zumindest, wenige Steine aus ihrer Mauer herauszuschlagen. Nun würde sie also dann zu Anna gehen. Na kann das super werden. Sie würde sich darauf freuen… Natürlich wäre es mehr als logisch, dass Anna mal wieder so hinterfotzig wäre, um es zu leugnen. Sie war schließlich auch eine von der anderen und somit perfekt. Was könnte so eine wie Amelie dann da noch anrichten? Nichts. Und wieder einmal würde sie vor einem Nichts stehen. Diese schwarze Mauer die sie nicht weiterbringen wird. Doch nichts kommt wie es scheint zu kommen. Alles wird anders sein als man denkt. Und doch war da noch das Selbstbewusstsein, das Sandra ihr gab. Also stand Amelie auf, wischte sich die Tränen vom Gesicht und ging entschlossen in die Richtung, in der die anderen auch verschwunden sind. Ihre Gedanken waren klar, sie wollte im Moment nur eins, und das war, Anna bloßzustellen, vor den Augen der anderen. Ob sie es jetzt leugne oder nicht, Anna hatte es nicht anders verdient, bloßgestellt zu werden. Sie hatte noch schlimmeres verdient, aber Amelie wollte sich nicht einmal die Finger an ihr schmutzig machen, geschweige denn, irgendwelche Worte an Anna verschwenden. Anna hatte sowieso schon zu viel gesagt.

Nachdem Amelie ewig lange nach Anna suchte, und so gut wie jeden, der ihr über den Weg gelaufen war, nach ihr gefragt hatte, gab sie es schließlich auf und setzte sich in den Schatten mehrerer kleinerer Bäume. Sandra und Susanne waren bei ihr. Susanne hatte ihr auch offenbart, Anna zu hassen, daher erschien ihr Susanne im Moment nicht als störend. Das einzige was sie störte, war dass sie Anna nirgends fand. Doch plötzlich hörte sie das hässlichste Gelächter, das überhaupt aus einem Mund kommen kann. Dann war natürlich sofort klar, dass Anna im Anmarsch war. Gepackt von Wut sprang Amelie auf.

„Gottverdammt noch mal, was soll der ganze Scheiß von dir?!“, schrie sie Anna an.

„Äh hallo? Was denn überhaupt?“. Natürlich gab sie sich dumm und ahnungslos. Ahnungslos wie immer, wenn sie sich rausreden wollte, und der Dummheit wegen musste sie sich schon gar nicht mehr verstellen. Mann könnte eigentlich fast schon sagen, ihr stand das Wörtchen „Dummheit“ fett und rot auf die Stirn geschrieben.

„Was soll das, dass du diese Gerüchte über mich oder uns verbreitest?!“

„Äh, welche Gerüchte denn?“

„Stell dich nicht noch dümmer als du ohnehin schon bist, das würde unglaubwürdig erscheinen! Du weißt ganz genau von welchen Gerüchten ich rede!“ Den Rest dieser „Konversation“ zwischen den beiden kann man sich ausmalen. Anna leugnete alles, wie schon vorhergesagt. Amelie  gab es dann schließlich auch irgendwann auf, auf Anna einzuhacken. Sie hatte sie am Schluss regelrecht gezwungen, nichts weiterzuerzählen, weder von dem vorherigen Abend, noch von diesem Gespräch. Für Amelie war das Thema gegessen, solange Anna keine Sachen mehr über sie verbreiten würde, würde man auch den Rest schnell wieder vergessen und alles wäre wieder beim Alten. Wenn da nicht wieder dieser kleine dumme Konjunktiv „wäre“ sein würde… Aber Amelie dachte nicht weiter über das Kunjunktivchen nach, sie gesellte sich zu den anderen, die alle auf einer Bank saßen, die auf einem kleinen Platz stand. Ein kleiner Fluss floss an dem Platz vorbei. Die Sonne schien so grell und es war einfach nur heiß, daher war es eine Erleichterung für Amelie, an der Quelle, aus der der Fluss entsprang, rumzuspielen und sich und somit auch alle anderen, die vorbeiliefen, nass zu spritzen. Die hatten natürlich auch ihre Freude dabei. Irgendwann, als dann mehr oder weniger jeder von Amelies Rumspritzereien genervt war, setzte diese sich zu Sandra, die dummerweise am selben Tisch wie Anna saß. Aber das machte ihr schon gar nichts mehr aus. Hauptsache sie konnte essen, dann war sie glücklich.

Die Zeit verging schnell, jetzt wo Amelie  mit allen nett kommunizierte, mit ihnen einfach nur redete und Spaß hatte. Dies kam selten vor, denn sie lebte normalerweise nur in ihrer kleinen Welt, nicht in der Welt, in der sich die anderen befanden. Diese kleine selbst erbaute Welt eben. Ihre heile Traumwelt. Die Welt, zu der es nach ihrer Meinung nie kommen würde. Doch nun befand sie sich auf dem besten Weg dahin. Sie wurde akzeptiert, und das war schon mal ihr Ziel. Und eigentlich waren ihre Klassenkameraden gar nicht mal so schlimm und intolerant wie sie erwartet hatte. Doch man sollte niemals voreilige Schlüsse ziehen.

Bald erschien dann auch Frau Schmied, um alle Schüler einzufischen, da sie demnächst wieder zum Schulladheim zurückkehren würden. Auf dem Weg in Richtung Ausgang entschied sich die Schmied doch noch anders, und setzte sich auf eine der Bierbänke, die vor einem Bäckerladen stand. Natürlich durfte Herr Peterson an ihrer Seite nicht fehlen. Einige andere Schüler hatten auch beschlossen, dort zu essen, Wie Amelie mitbekam, machten die da wunderbare Flammkuchen. Doch leider waren sie ja im Frankreich, und Amelie wusste logischerweise nicht einmal, was „Flammkuchen“ auf französisch heißt. Also stellte sie sich einfach in die Reihe und meinte anschließend als sie dann drankam, dass sie „une flamme du küch“ wolle. Natürlich verstanden die Verkäufer sie nicht, und die Schüler hinter ihr lachten sich ein Brett. Amelie wusste gar nicht mehr wo sie jetzt dran war, und als dann die Kinder hinter ihr ihr sagten, dass die Verkäufer deutsch UND französisch sprachen, musste auch diese herzlich mitlachen. Zumindest bekam sie noch ihren „flamme du küch“ und setzte sich nach draußen an den Tisch, an dem auch Sandra mit Frau Schmied und noch einige andere saßen. Zum ersten Mal seit langer Zeit ging es Amelie so richtig gut, dass sie sie gewünscht hätte, die Zeit anhalten zu können. Sie aß ihren Flammkuchen, redete und lachte mit den anderen und war einfach nur glücklich. Die Wespen die um sie herumflogen, machten ihr nicht einmal was aus, auch wenn all die anderen vor lauter Angst, gestochen zu werden, rumbrüllten. Amelie fand es einfach nur amüsant und war damit beschäftigt, ihre kleine Welt nach außen zu stülpen. Und wie als ob es nicht noch besser kommen könnte, meinte Frau Schmied, dass sie jetzt dann wirklich bald zum Schullandheim zurückkehrten. Amelie fand den Tag immer toller. Sie würden noch etwas Freizeit bekommen, um in die Stadt zu gehen.

Im Bus saß Amelie wieder neben Sandra, mit der sie sich auch super verstand. Sie glaubte wirklich, einen Meter über dem Boden zu schweben, und sie liebte es. Sie dachte daran, in zwei Tagen wieder heimzukehren, Annette zu sehen. Und das Beste war, dass sie nicht einmal an die schlechten Seiten dachte, die ihr ihr zu Hause eigentlich brache. Sie war einfach glücklich, glücklich, am Leben teilzunehmen, glücklich,  ihr Leben entfalten zu können. Nicht einmal die Busfahrt machte ihr zu schaffen, wie normalerweise jedes Mal. Irgendwann schlief sie einfach ein, ohne von ihren Gedanken erdrückt zu werden, mit freien Träumen. Als sie sich wieder vor dem Schullandheim befanden, wurde sie unsanft durch das Rumgeschreie der Kinder geweckt. Sie wusste gar nicht wo sie jetzt stand, was eigentlich passiert war. Sie sah das große Gebäude vor sich, und wurde hart zurück in die Realität gerissen. Sie schlug mit voller Wucht auf den Boden auf. Das Schullandheim. Hilflosigkeit. Einsamkeit. Verlassenheit. Wo war all ihr Glück hin? Welches Glück denn überhaupt? Diese kleine Stimmungswallung? Das war kein Glück. Amelie hätte zuerst lernen sollen, was Glück überhaupt ist, bevor sie denkt glücklich zu sein. Stimmungsschwankungen, nichts weiter. Die Schmerzen waren alle noch immer da, und eigentlich ist Glück sowieso nur der kurze Moment im Leben, der ohne Schmerzen verläuft und nach kurzem Zeitraum zerrinnt. Über Probleme hinwegzublicken löst sie nicht. Die Kiste die man in den Keller geschmissen hatte, beginnt irgendwann zu faulen, und man muss sie öffnen. Und der Anblick wird sich als alles andere als angenehm erweisen.

Benommen stieg Amelie aus dem Bus. Sie war eingesperrt in diesem Schullandheim und konnte nicht heraus. Was auch immer noch passieren sollte, sie wusste nicht, wie es danach weitergehen sollte. Ein kleines Fünkchen Freude war noch in ihr, und das auch nur, weil sie nachher noch in die Stadt gehen würden. Hatten Sandra und sie schon ausgemacht.

Oben in ihrem Zimmer packte Amelie sich ihr Geld für ihre zweite, nun aber ganz schwarze Tönung ein, dann marschierte sie, Sandra und Jana auch schon los in Richtung Stadtkern. Das erste, wo Amelie die Zwei hinschleppte, war zum Schlecker. Sandra versuchte verzweifelt, von dem Regal indem sich die gesamten Tönungen befanden, eine passende Tönung für Amelie auszusuchen, die auch ihr gefiel, was sich als ziemlich schwer erwies. Letztendlich schnappte sich Amelie von der puren Wut gepackt einfach die nächstbeste Tönung und ging damit zur Kasse. Sandra und Jana kamen wieder Ewigkeiten nicht von ihrem Schminkregal weg, also musste Amelie noch auf sie warten.

Später setzten sie sich im Ortskern auf eine Bank und redeten, auch wenn es nicht wirklich klappte. Amelie gingen die ganze Zeit diese Gedanken bezüglich der Gerüchte durch den Kopf. Sie konnte an so gut wie nichts anderes mehr denken. Es zog sie viel zu tief nach unten. Sie verstummte, hatte zu dem ganzen Gespräch keine Meinung und saß einfach nur  unscheinbar auf ihrem Platz und blickte vor sich hin. Sandra war von Jana angekotzt, obwohl diese eigentlich nur einige Fünkchen von ihrem vorgegaukelten Optimismus versprühen wollte, was auch immer ihr das in dieser Situation bringen sollte. Wenn Amelie auch nur einmal etwas sagen wollte, wurde sie sofort angeschnauzt, was sie noch trauriger machte. Egal was sie tat, es war falsch. Wahrscheinlich war ihr größter Fehler eh nur die Tatsache, dass sie noch am Leben war. Zumindest gaben all die anderen ihr das Gefühl, auch wenn es nur Einbildung ihrerseits gewesen sein sollte. Sie packte deprimiert ihre Tönung aus und begutachtete diese.

„Wollen wir eigentlich nicht mal wieder zurück ins Schullandheim? Ist eh schon viel zu spät“, meinte Sandra dann endlich.

„Wieso, wie viel Uhr haben wir denn?“

„Mein Gott, Amelie, kannst du dir eigentlich nicht mal selbst ne Uhr besorgen?“ Sandra schaute sie verächtlich an.

„Ähm, wir haben es jetzt kurz vor vier…“, antwortete Jana. Sie hatte anscheinend auch nicht mehr viel zu melden. Angekotzt wie sie alle Drei voneinander waren, machten sie sich auf den Weg zurück zur Herberge. Amelie wollte natürlich zuerst ihre Haare getönt bekommen. Doch das war genau die Art von Tönung, mit der sie überhaupt nicht umgehen konnte. Da Susanne immer und überall getönte Haare hatte, fragte sie diese sofort, ob sie ihr die Haare machen wollte. Sie bejahte dies gleich, doch nur unter der Bedingung, dass Amelie auch ihr die Haare tönt. Wenn es um ihr eigenes Wohl gehen sollte, würde Amelie sowieso alles tun. Zum Glück hatte Susanne eine Tönung, zu der Amelie nicht dumm genug war. Amelie fand es so  toll, dass ihr die Haare getönt wurden, dass sie Susanne gleich zwang, damit anzufangen. Komischerweise verstand sie sich dabei sogar prächtig mit ihr. Na ja, so schlimm war sie ja eigentlich gar nicht, wenn man mal recht darüber nachdachte. In der Zeit, in der Amelies Tönung einwirkte, machte sie die Haare von Susanne. Knallrot, wie auch immer das irgendwann dann aussehen sollte. Wahrscheinlich wie die größte Schlampe, doch so sah Susanne ohnehin schon gerne aus, und das meinte Amelie nicht nur, weil sie sie normalerweise nicht leiden konnte. Nach einer guten halben Stunde wusch Susanne Amelie die Tönung ab und endlich hatte Amelie ihre erwünschten schwarzen Haare. Sogar noch dunkler als sie es erwartet hatte, doch das sollte ihr nur recht sein. Gleich danach wusch sie Susannes Haare aus, da diese doch kein so extrem knalliges Rot haben wollte. Es stellte sich jedoch wenige Minuten später heraus, dass das Rot röter war als sie erwartet hatten. Amelie musste sich ihr Lachen verkneifen, da ihre Erwartung, dass Susanne aussehen wird wie die größte Schlampe, eintraf. Ihr musste es ja auch nicht gefallen.  Susanne schien jedoch auch nicht wirklich zufrieden zu sein. Aber das sollte auch nicht Amelies Sorge sein.

Susanne  verschwand wieder irgendwo, so beschlossen Amelie, Sandra und Jana, nach draußen zu gehen, etwas am Rheinufer zu laufen. Angekommen an einem kleinen Steg setzte sich Amelie auf das Geländer des Steges. Sandra lehnte sich an das Geländer gegenüber. Jana stand erst teilnahmslos da und setzte sich dann schließlich doch neben Amelie. Amelie hatte die Wand zwischen ihr und Sandra noch immer nicht durchbrechen können. Sie stand einfach vor dieser Mauer, blickte an ihr hinauf und schrie laut um Hilfe, in der Hoffnung, Sandra könnte sie hören. Doch sie schien stumm zu sein.

„Du, Sandra… wollen wir uns nicht wieder vertragen?“, fragte Amelie schließlich. Einmal, nur einmal wollte sie die Mauer brechen.

„Wieso denn? Hatten wir jemals Streit?“, entgegnete Sandra. Amelie hoffte, dass dies eine rhetorische Frage war, denn Sandra hatte die Antwort genauso gut gewusst wie Amelie.

Sie kamen auf Amelies Äußeres zu sprechen, was Sandra nach ihrer Meinung noch immer nicht wirklich so akzeptierte, wie man es als Freundin akzeptieren sollte. Schließlich meinte Amelie, dass sie sich einen Undercut schneiden wollen würde, was sie eigentlich aus purer Ironie sagte. Darauf meinte Sandra nur, dass sie wenn das so sein sollte, zu dem größten „Hoppser“ überhaupt wird, was sie jedoch auch nicht ernst meinte. Dies trieb jedoch blitzschnell Wut in Amelie. Dass sie selbst Vorurteile hatte, die sogar noch extremer als die von Sandra waren, war ihr nicht bewusst.

„Oh, Gott, ich sag´ s dir, mach das bloß nicht!“, das war ihre einzige Äußerung dazu. Sie hätte sich nicht vorstellen können, dass Sandra irgendwann so sein könnte, oder besser gesagt wollte sie es sich nicht einmal vorstellen. Ihre Stimmung war auf dem Nullpunkt. Nach ewigem Rumsitzen und Schweigen sagte Jana schließlich, dass es bald Abendessen gebe. Na endlich sagte mal jemand was und rettete die Situation. Die Drei gingen zurück ins Haus, stiegen langsam und schweigend die Treppen hinauf und gingen vor dem Essen nochmals in ihr Zimmer. Amelie band ihre Haare zu einem Zopf zusammen und begab sich in Richtung Speisesaal. Sie freute sich schon richtig auf die Reaktionen der anderen auf ihre neue dunklere Haarfarbe, doch diese Reaktion blieb aus. Das Essen schmeckte wie jedes Mal etwas gewöhnungsbedürftig, doch auch das störte Amelie schon gar nicht mehr wirklich. Solange sie kein Fleisch essen musste, war ihr alles andere relativ egal. Und die kleine Portion Fleisch, die bei diesem Chili Con Carne dabei war, machte ihr auch wenig aus. Nach dem Essen versprach Frau Schmied und Herr Peterson der Klasse noch, den Partyraum im Keller aufzuschließen, damit sie eine kleine „Party“ organisieren konnten. Amelie dachte sich einfach mal, dass es nicht mal so schlecht sein könnte, mit der Klasse und der Parallelklasse eine Party zu feiern, verlieren kann man dabei sowieso nichts, außer vielleicht ihre Würde, weil sie nie und nimmer tanzen konnte, aber einmal konnte man das ja durchgehen lassen. Die ganze Klasse war wieder mal viel zu aufgedreht, da sie alle so begeistert von dieser Idee waren. Amelie setzte sich an den PC um kurz im Internet vorbeizuschauen, ob es vielleicht etwas Neues geben konnte. Die anderen bereiteten schon mal den Partyraum vor. Natürlich konnte man nur kurz ins Internet, es sei denn man wollte viel Geld ausgeben, und das war nicht Amelies Absicht. Also begab sie sich auch in den Keller, um zu schauen, wie der Raum überhaupt ausschaute. Sandra war inzwischen auch schon unten und bei bester Laune. Sandra war damit nicht allein, fast die gesamte Klasse und Parallelklasse war schon unten und kräftig am Tanzen. Amelie stand einfach nur an der Bar, wusste nicht was sie hier überhaupt sollte. Tanzen würde sie sowieso nicht, und einfach rumstehen konnte sie auch nicht. Einige aus ihrer Klasse probierten die neuesten Lieder aus und drehten die volle Lautstärke auf. Erstens bekam Amelie von der Lautstärke Kopfschmerzen und zweitens gefiel ihr die Musik nicht. Sie ging hinter in ein dunkles Eck, um nicht mehr an der Bar zu stehen, dort war ihr alles viel zu laut. Außerdem wollte sie nicht zum Tanzen aufgefordert werden, und da hinten im Eck sah sie niemand. Irgendwann kam dann Sandra angetanzt und wollte dass sie mitmacht. Doch als sich Amelie dagegen sträubte, war Sandra eingeschnappt und verschwand wieder in der Menge. Was sollte das alles? Es würde sich sowieso niemand um Amelie kümmern. Egal, wie lange sie noch dastehen sollte, niemand würde zu ihr blicken, und Sandra erstrecht nicht mehr. Amelie fühlte sich erdrückt von der Lautstärke der Musik, der Raum füllte sich zu schnell und es wurde zu schnell viel zu eng. Ihr wurde heiß und ihr Bild vor den Augen begann zu verschwimmen. Sie musste raus hier, und das ziemlich schnell. Länger würde sie es hier nicht aushalten. Also stürmte sie nach draußen. Kälte empfing sie. Beweglichkeit. Freiheit. So, und weiter? Weiter wusste sie nicht. Zu wem sollte sie denn jetzt gehen? Waren doch alle in diesem tollen „Party“raum. Amelie wollte nicht wissen, was die Schmied und der Peterson unter „Party“ verstanden, aber Amelie definierte dies etwas anders. Sie wollte hinauf ins Zimmer, doch kurz vor den Treppen saß Daniela, Tines beste Freundin, heulend auf dem kleinen Sofa das da stand. Lilli, auch eine Freundin von Tine, saß gegenüber von ihr auf einem Sessel und versuchte mit vollem Aufwand, Daniela zu  trösten. Moralisch und sozial wie Amelie nun eben war, wollte sie auch versuchen Daniela zu trösten, oder zumindest mit ihr sprechen, was auch immer sie bedrückte. Mutter Teresa spielen war schon immer ihre Stärke, auch wenn nichts zurück kam oder sie selbst auf der Strecke blieb. Hauptsache den anderen ging es gut… Heulend erzählte Daniela, dass sie Streit mit Tine habe, den sie nicht zu bewältigen wisse. Amelie versuchte ihr Bestes, Daniela irgendwelche Ratschläge zu geben, auch wenn sie es Tine nicht  gönnen wollte, sich wieder mit Daniela zu vertragen, aber sie konnte Daniela nicht  einfach so sitzen und heulen lassen. Sie konnte ohnehin keine Menschen weinen sehen. Dieses ganze Mutter-Teresa-Gespiele ging Amelie auf den Geist. Es würde doch niemandem einfallen, einfach nur so zu ihr zu kommen, um mit ihr zu reden. Sogar wenn es nur Belanglosigkeiten sein würden, sie hätte sich über jegliches Gespräch gefreut, aber es kam nichts zurück. Länger konnte und wollte sie Daniela nicht helfen, sie hatte schließlich noch Lilli, und Tine würde schon wieder auf Daniela zukommen, man kannte sie doch. Wut packte Amelie. Sie wollte einfach auch einmal, dass irgendjemand versucht ihr zu helfen, dies allein wäre ihre größte Hilfe gewesen. Langsam stiegt sie die Treppen hinauf und wurde immer schneller. Schließlich rannte sie regelrecht und übersprang jeweils eine Stufe. Theoretisch könnte sie mit Tine sprechen, dass diese auf Daniela zukommen sollte, also rannte sie bis nach ganz oben und vor Tines Zimmertür. Sie klopfte an, doch niemand öffnete ihr. Auch gut, dann trat sie einfach ein.

„Tine?!“, rief sie. Keine Antwort. Vielleicht hatte sie es ja überhört.

„Hallo? Christine?!“ Noch immer keine Antwort. Sollte ihr recht sein, dann musste sie Tine schon nicht ertragen. Sie schloss die Tür wieder und ging eine Etage tiefer. Neben der großen Glastür, die am Ende des Ganges indem sich ihr Zimmer befand, war, standen eine kleine Bank und ein dazugehöriger kleiner Tisch. Deprimiert setzte sich Amelie auf die Bank und streckte ihre Beine auf den Tisch aus. Lange verharrte sie dort, den Blick nach unten gesenkt. Sie hörte hin und wieder Schüler die Treppe hinaufsteigen, doch niemand würdigte sie eines Blickes. Nun war sie eben schon wieder allein. Inzwischen machte ihr das jedoch weniger aus als zu Beginn. Ja, sie brauchte sogar jeden Tag etwas Zeit nur für sich, wo sie niemanden um sich herum sehen kann. Doch diese Zeit sollte nicht zu lange andauern. Ihr Ausweg verschwamm immer mehr. Sie legte ihre Hand auf ihren Arm und krallte sich mit ihren Nägeln tief ins Fleisch. Ein Ausweg war dies jedoch auch nicht, im Gegenteil, es verstärkte ihren Drang, sich Schmerzen hinzuzufügen. So konnte es nicht mehr weitergehen. Weit entfernt hörte sie eine Stimme. Es war Sandra, anscheinend kam sie die Treppe hoch. Na endlich, hatte auch lange genug gedauert. Amelie hörte immer eiligere Schritte. Irgendjemand rannte an ihr vorbei, viele andere rannten hinterher. Irgendwas war passiert, doch so langsam war auch das Amelie egal. Sie wollte sich nur einmal mit Sandra vertragen, nur einmal im Leben glücklich sein, und nicht nur ein kurzes Glücksgefühl haben. Nur einmal im Leben… Sandras Stimme kam immer näher. Amelie schaute kurz hinauf, doch sie sah Sandra nicht, also fiel ihr Blick wieder nach unten. Schließlich konnte Sandras Stimme nicht mehr näher kommen. Sie musste direkt vor ihr stehen, doch sie kam nicht her. Amelie begann erneut in Tränen auszubrechen. Sie traute sich nicht aufzublicken. Warum kam sie nicht her? Ihre Stimmte verblasste immer mehr. Eine Tür knallte. Jetzt war sie vollends verschwunden. Nun weinte Amelie richtig. Sie versuchte, ihr Gesicht hinter ihrer Hand zu verstecken. Auch wenn sie vorher noch so sehr wollte, dass jemand zu ihr kam, in diesem Moment wollte sie einfach nur allein sein. Und genau jetzt kamen all die anderen. Diese Party musste wohl zu Ende sein. Jetzt konnten sie auch weg bleiben.

„Amy? Alles klar bei dir?“, fragte eine aus der Parallelklasse besorgt. Ach, jetzt kommen sie, oder was? Jetzt, in dem Zeitpunkt, indem es eh schon zu spät ist? Sie hätten es erst gar nicht so weit bringen sollen, dann müssten sie jetzt auch nicht fragen. Es konnte nun allen gestohlen bleiben, wie es Amelie geht. Allen, ohne Ausnahme. Doch, eine Ausnahme war da doch: Sandra. Wenn doch nur sie es sehen würde… Amelie streckte nur ihren Daumen nach oben, und machte eine Handbewegung, die den anderen zeigte, dass sie gehen sollten und siehe da, sie hörten sogar auf sie. Als wieder Ruhe einkehrte, wischte Amelie sich die Tränen ab. Als sie sich wieder einigermaßen anschaulich vorkam, begab sie ich auch in ihr Zimmer. Dort saßen Jana und Sandra, die gerade ausgiebig miteinander diskutierten. Amelie stieg ihre kleine Leiter zum Bett hinauf und setzte sich im Schneidersitz darauf. Natürlich versuchte sie sich an der Diskussion zu beteiligen, doch die Drei wurden abrupt von lautem Würgen unterbrochen. Super, jetzt übergibt sich auch noch jemand, das hat Amelie gerade noch gefehlt.

„Wer ist das?“, fragte Sandra, die wie auf einen Schlag weiß im Gesicht wurde.

„Keine Ahnung, aber Svenja ging es vorhin doch nicht so gut, oder?“, meinte Jana. Amelie war nun noch erfreuter, da Svenja eine von ihren Zimmernachbarn war, und sich somit gerade in dem Zwischenraum von ihrem und dem Nachbarszimmer befand. Besser konnte es kaum noch werden. Amelie konnte es nicht einmal hören wenn sich jemand übergab, geschweige denn dann noch auf diese Toilette zu gehen. Amelie ging hinaus in den Gang und dann zu der Zimmertür ins andere Zimmer. Sie schaute kurz in Richtung Toilette, da die Tür offen war und man von der Türschwelle aus die beste Sicht hinein hatte. Svenja lehnte über der Kloschüssel, und einige andere standen noch um sie rum. Teils weil sie ihre Haare hielten, teils weil sie sich Sorgen um sie machten und teils weil sie einfach nur schaulustig waren.

„Hey! Rieke! Was ist denn überhaupt los mit Svenja?“, rief Amelie. Inzwischen würde sie das wirklich interessieren.

„Benni hat ihr ´n Korb gegeben… Svenja war dann so fertig, dass sie dachte, sich übergeben zu müssen.“, antwortete ihr Rieke. Mein Gott, die soll sich mal nicht so anstellen, dachte sich Amelie. Doch sie dachte gleich an das Wochenende zurück, bevor sie ins Schullandheim fuhren. Sie kam betrunken von einem Konzert zurück, das in ihrem Ort stattfand. Annette, Mark und Marks Freund waren auch dabei. Leider musste Annette es gerade durch diesen Freund von Mark erfahren, dass er mit Amelie zusammen war. Amelie war zu schwach gewesen, um es ihr selbst zu sagen, sie wollte sie doch nicht verletzen oder gar verlieren. Natürlich gab dies Stress. Annette rief Amelie mitten in der Nacht an. Amelie registrierte es nicht einmal richtig, was da überhaupt in Annette vorging. Annette redete von Vertrauensbruch. Davon, wie verletzt sie war, davon, was sie sich jetzt am Liebsten antun würde, es jedoch Amelie wegen nicht konnte. Amelie fühlte sich so schmutzig. Sie hatte solche Angst, Annette zu verlieren. Sie hätte es lieber vorgezogen, ihr eigenes Leben hinzuschmeißen, nur damit es Annette gut ging. Sie hatte praktisch Amelies Leben in der Hand. Später, als Amelie wieder einigermaßen nüchtern war, übergab sie sich fast vor Angst, Annette zu verlieren, und aus dem Schuldgefühl ihr gegenüber. Dass es immer noch die Liebe war, die sie dazu trieb, wusste sie nicht. Sie konnte Freundschaft und Liebe schlecht unterscheiden, zumindest was Annette und Mark in diesem Moment betraf.

Das Würgen von Svenja holte sie wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Es war vorbei. Dieses Wochenende war vorüber, es wird alles besser werden wenn sie wieder zurückkehrt. Oder vielleicht doch nicht? Sie blickte Rieke an. In ihrem Gesicht standen die Tränen. Und Rieke war damit nicht die einzige. Amelie konnte neben Svenjas Gewürge noch das Schluchzen der Mädels hören, die um Svenja herumstanden. Svenja selbst war jedoch noch immer die, die am Meisten weinte, soweit das eben ging. Was war denn eigentlich los? Anna lag weinend im Bett, wie schon einmal. Zum Glück war sich Amelie nun sicher, dass es nicht ihretwegen war. Maike, die normalerweise niemals oder zumindest nie vor den Augen von Amelie weinte, saß nun mit Tränen in den Augen aufgelöst am Tisch und schniefte.

„Leute, was ist denn eigentlich los mit euch allen?!“ Amelie verstand die Welt nicht mehr. Zumindest wusste sie nun, dass es anderen auch schlecht gehen konnte.

„Es ist scheiße… Es ist einfach alles scheiße…“, stammelte Maike.

„Was ist scheiße?“, fragte Amelie. Sie konnte sie alle nicht weinen sehen, daher war ihre Stimme auch schon fast ein Schluchzen. Eine Antwort auf ihre Frage bekam sie jedoch nicht mehr.

„Vielleicht solltet ihr die Schmied holen, das wäre das Beste jetzt. Svenja sollte nach Hause gehen, alles andere macht jetzt auch keinen Sinn.“, meinte Amelie, als sie noch immer keine Antwort bekommen hatte. Rieke tat, was ihr gesagt wurde. Mit verheultem Gesicht rannte sie nach draußen und suchte Frau Schmied. Amelie ging in dieser Zeit wieder zurück in ihr Zimmer. Sandra saß mit trauriger Miene andersrum auf einem Stuhl und legte den Kopf auf ihre verschränkten Arme, die auf der Stuhllehne lagen. Jana saß auf ihrem Bett. Beide schienen zu schweigen. Sandras Blick ruhte unscheinbar im Nichts. Jana wusste wahrscheinlich nicht, was sie sagen sollte, und aus Angst etwas Falsches zu sagen, schwieg sie einfach. Sandra sollte man sowieso nicht unterbrechen, wenn sie gerade nachdachte. Aber die Art, wie sie in diesem Moment nachdachte, fand Amelie gar nicht schön.

„Sandra, alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie besorgt.

„Hm? Ja, ja, klar, alles okay“. Sandras Blick ruhte noch immer im Nichts. Sie verzog keine Miene. Es war wie als on Sandra psychisch total abwesend war.

„Ich geh kurz nach Svenja schauen“, sagte sie anschließend und verließ ihren Platz.

Erst nach ewiger Zeit, wie es Amelie schien, kam Sandra wieder zurück, nachdenklicher als zuvor. Doch wenn Sandra nichts sagte, konnte Amelie ihr auch nicht helfen, auch wenn sie es nur zu gerne getan hätte.

„Die Schmied kommt gleich und schaut nach ihr. Aber heimgehen will sie nicht. Außerdem heult das ganze Zimmer drüben gerade…“, teilte Sandra ihnen niedergeschlagen mit.

„Wie geht es Svenja jetzt? Man hört gar nichts mehr von ihr…“, fragte Jana, die sicherlich schon seit einer halben Stunde keinen anständigen Satz mehr zusammengebracht hatte.

„Ich denke ihr geht es besser. Was denkt ihr was das ist mit ihr?“. Sandra schaute die zwei fragend an.

„Rieke hat gesagt es wäre wegen Benni, er hätte ihr anscheinend einen Korb gegeben, mehr weiß ich aber auch nicht.“, antwortete ihr Amelie.

„Aber denkt ihr nicht dass sie irgendwie… hm… dass sie irgendwie mit Absicht spucken wollte?“, Sandra schien nicht zufrieden mit Amelies Aussage zu sein.

„Du meinst doch nicht dass Svenja Bulimie haben könnte, oder?“ Jana war inzwischen wieder aus ihrem Schweigen aufgetaut.

„Könnte doch sein, schau doch mal, wie sie abgenommen hat in letzter Zeit!“, meinte Sandra.

„Ach was, das könnte ich mir bei der niemals vorstellen, die -“

„Bei euch ist aber alles okay, oder?“

Amelie wurde von Frau Schmied unterbrochen, die gerade ihren Kopf in ihr Zimmer streckte. Die drei Mädels nickten nur, und Frau Schmied verschwand wieder und schloss die Tür.

„Ich geh raus“, beschloss Sandra schließlich. Ihr wurde alles zu viel.

„Tu das…“, antwortete Amelie. Gerade war Sandra gekommen, ging sie auch schon wieder. Wenn es nach Amelie gehen würde, könnte sie ruhig mal bei ihr bleiben, und sich vielleicht auch mal um sie kümmern, anstatt um Svenja oder sonst wem. Also saß sie jetzt allein mit Jana im Zimmer. Besondere Gesprächsthemen entstanden kaum, also schnappte sie sich wieder Janas CD-Player und hörte die zwei Lieder von Manson, das brauchte sie jetzt einfach. Doch sie konnte sich auf nichts konzentrieren. Ihre Gedanken klebten noch immer an Sandra. Das war der klarste Gedanke, den sie in diesem Chaos, was sich in ihrem Kopf befand, noch finden konnte. Sie wollte nach Sandra schauen, doch sie wollte ihr auf der anderen Seite auch nicht auf die Nerven gehen. Sie wollte bei ihr sein, doch sie konnte nicht, aus Angst zurückgewiesen zu werden. Sie wollte stark sein, doch brach sie immer wieder erneut in ihrer Schwäche zusammen. Immer wieder fiel sie tief nach unten, als sie gerade versuchen wollte, über die Mauer zu klettern. Immer und immer wieder fiel sie. Fiel, fiel und fiel. Im Moment war da nur ihr Wille, Sandra jetzt aufzusuchen, und eben ihre Angst, dass sie zurückgewiesen wird, wie schon so viele Male zuvor, und das nicht einmal nur von Sandra. Doch Amelies Wille siegte wieder einmal über ihren Verstand. Sie sprang von ihrem Bett und marschierte nach oben, wo sie Sandra vermutete. Wahrscheinlich würde sie bei Tine sitzen. Als sie vor Tines Zimmertür angekommen war, trat sie einfach ein. Sandra saß dort, völlig aufgelöst. Amelie hatte das schlechte Gefühl, gerade gestört zu haben.

„Oh, hab ich euch grade unterbrochen?“, fragte sie besorgt.

„Ja, das hast du. Tut mir leid“, antwortete Sandra.

„Ähm, du, Sandy, willst du nachher kurz mit mir raus kommen? Ich würde auch gern mit dir reden“. So schnell ließ sich Amelie nicht unterkriegen.

„Mal schauen, okay? Ich komm sicher bald wieder runter“. Gut, das hatte schon gereicht, Amelie doch unterzukriegen. Klein wie die gerade war, verließ sie das Zimmer und ging wieder nach unten. Sie könnte ja noch im Zimmer aufräumen, man würde da sowieso nicht mehr hineinlaufen können, ohne dass wer was dagegen unternimmt, und jemand anders hätte es eh nicht gemacht. Doch das mit dem Aufräumen wurde nichts, da Sandra wenige Minuten später wieder kam.

„Amy, kommst du mit raus?“, fragte sie mit großen Augen. So klein Amelie vorher noch war, so groß fühlte sie sich jetzt. Voll gepackt von Freude und Enthusiasmus ging Amelie neben Sandra die Treppen hinunter. Leider verflog ihre Freude bald wieder. Die Zwei verließen das Schullandheim aus dem Vordereingang, und setzen sich auf eine der Bänke, die auf dem kleinen Platz vor der Haustür des Schullandheims stand. Erst schauten sie sich nur an, schauten dann wieder aneinander vorbei und so ging das eine ganze Weile. Dann begann etwas, was Amelie in diesem Moment nicht für möglich gehalten hätte: Traurig blickte Sandra ihr in die Augen und begann über den jetzigen Standpunkt der beiden zu sprechen. Sie diskutierten heftig, waren wieder kurz vor einem Streit, da die eine der anderen Vorwürfe machte und andersrum. Doch dieser befürchtete Streit blieb glücklicherweise aus, denn in Verbindung zu der Diskussion über die Freundschaft zwischen Amelie und Sandra, kam Amelie auf Sandras Probleme zu sprechen und bot ihr ihre Hilfe an, wann auch immer Sandra sie brauchen würde. Und das war nicht nur ein typisches vorgegaukeltes Gespräch wie „ach ich hab dich ja so lieb und bin auch immer für dich da, obwohl ich dich sowieso verlassen werde wenn es mal hart auf hart kommt“, sondern Amelie meinte all das ernster, als alles andere in diesem Moment. Durch Amelies angebotene Hilfe begann Sandra mit ihr über so gut wie alles was sie belastete zu sprechen. Amelie fühlte sich so gut dabei. Natürlich nicht weil es ihrer besten Freundin nicht so gut ging wie sie normalerweise immer preisgab, sondern weil ihre beste Freundin endlich wieder den Weg zu  ihr gefunden hat. So niedergeschlagen die beiden auch waren, so erfreut waren sie jedoch auch über ihre Versöhnung. Und endlich breitete Sandra ihre Arme nach Amelie aus und drückte sie an sich. Endlich wieder eine Umarmung, die wirklich nur aus dem Herzen kam. Die Mauer zwischen Amelie und Sandra war durchbrochen. Nun gab es nichts mehr, was ihre Freundschaft zurückhalten konnte. Amelie konnte das Glück, das sich in ihrem Herzen ausbreitete nicht in Worten beschreiben. Ihr Herz begann wieder aufzutauen. Und Sandras Herz genauso. Amelie konnte Sandra, die ihren Kopf auf ihre Schultern gelegt hatte, schluchzen hören. Sandra weinte. Noch nie zuvor hatte Amelie Sandra richtig weinen sehen. Jetzt brach auch sie in Tränen aus. Und das waren nicht nur Tränen aus Verzweiflung, das waren teils pure Freudentränen, und Sandra ging es dabei nicht anders. Amelie hoffte nur zutiefst, dass dies nicht nur eine Glückswallung war. Es tat ihrem Herzen und ihrer Seele so gut, in den Armen von Sandra zu liegen. Nun hatte sie wieder jemanden, der an ihrer Seite stand, sie war nicht mehr allein. Endlich hatte sie wieder zu der Freundschaft gefunden. Sie lösten sich wieder aus ihrer Umarmung und sprachen weiter. Nun war Amelie mit ihren Problemen an der Reihe. Sandra hörte ihr interessiert zu, was sie schon so lange nicht mehr richtig getan hatte. Sie gab ihr Ratschläge, um aus der Situation zu kommen. Doch über eines sprach Amelie mit niemandem: Über Annette. Und das war auch nur so, weil sie dachte sicher zu sein, Annette nicht mehr zu lieben. Sie war sich mehr oder weniger sicher mit Mark, jedoch um genau zu sein stand nur eines fest, und das war, dass sie Mark garantiert nicht liebte. Doch das wollte sie sich nicht eingestehen. Es war jetzt eben nun mal so, dass sie mit ihm zusammen war, und ändern konnte sie auch nichts mehr daran, Annette würde sowieso nie mehr zu ihr zurückkehren, und Amelie fürchtete sich zu sehr vor Marks Reaktion, wenn sie alles mit ihm beenden würde. Amelie konnte in Sandras Augen Trauer erkennen, wusste jedoch nicht, weshalb. Sie nahmen sich wieder in den Arm und begannen erneut zu weinen. Je mehr sie miteinander sprachen, desto größer wurde diese Trauer.

Wenige Zeit später waren Amelie und Sandra nicht mehr allein damit, dass sie weinten: Andere Mädels aus ihrer Klasse, und wenige aus der anderen Klasse, kamen auch nach draußen uns setzten sich bitterlich weinend auf die Bänke neben der Bank, auf der Amelie und Sandra saßen. Amelie bekam Bruchteile von dem Gespräch der anderen mit. Sie redeten über die Gerüchte, die um „dieses eine Zimmer da“ herumgingen. Als dann Nick nach draußen kam, rannte Amelie sofort auf ihn zu.

„Hey! Nick, warte mal bitte!“, rief sie, noch immer verheult.

„Was ist denn los?“ Er schaute sie verdutzt an.

„Was ist mit den Gerüchten? Was geht da rum? Verdammt, jetzt sprich schon!“

„Ich hab da nicht wirklich viel gehört…“, entgegnete Nick, doch Amelie glaubte ihm kein Wort. Natürlich hatte er etwas mitbekommen! Alle hatten etwas mitbekommen, daher musste er etwas wissen, er weiß doch sonst auch immer alles!

„Oh doch, du hast wohl etwas gehört! Scheiß drauf, du kannst es mir ruhig sagen, die Wahrheit macht mir sowieso nichts aus!“ Das war gelogen. Die Wahrheit verletzte Amelie mehr, als irgendwelche Lügen es könnten. Nick merkte, dass mit Amelie gerade nicht zu spaßen war, daher versuchte er, ihr die Sache schonend beizubringen.

„Also… Lass es mich so sagen: Sie denken eben sicher das Falsche über euch.“

„Super, und was genau denken sie?“ Amelie wurde immer wütender. Dass sie nicht rot anlief war ein Wunder.

„Von wegen ihr hättet böse Geister heraufbeschworen, um Anna umzubringen. Oder ein Gerücht wäre noch, dass ihr euch die Pulsadern aufgeschnitten habt, um mit eurem Blut Totenköpfe als Opfer für die Geister auf die Wand gemalt habt. Ich sagte doch, es ist sicher das Falsche was die über euch denken!“ Letzteres fügte er aufgrund Amelies bösem Blick noch schnell hinzu. Doch in Wirklichkeit war dieser Blick nicht einmal böse. Er war erfüllt von Trauer. Trauer, da ihr am Wenigsten geglaubt wurde, und Trauer, da Gerüchte um sie herumgingen, die sie sich nicht einmal im Schlaf ausdenken würde. Ein winziger Teil ihres Blickes drückte noch den Hass aus, der auf die Personen gerichtet war, die diese Gerüchte verbreitet hatten. Oh nein, länger würde sie es in dieser Irrenanstalt, genannt Schullandheim, nicht mehr aushalten. Sie konnte sich in diesem Moment nicht einmal mehr vorstellen, dass es ihr zu Hause vor noch gar nicht all zu langer Zeit nicht gut gegangen ist. In Vergleich zu dem, was sich jetzt abspielte, war es daheim der reinste Luxus. Die Luft schnürte Amelies Kehle zu. Sie begann kaltschweißig zu zittern, fröstelte obwohl die vor lauter Hitze ihr T-Shirt hätte ausziehen können. Ihr lief der kalte Schweiß über die Stirn. Sie hätte erfrieren können an der Kälte ihres Schweißes. Wieder einmal verschwamm das Licht vor ihr und ihre Sicht wurde immer verschwommener. Diese Stimmung zog sie in ihr schwarzes Loch. Jeder saß weinend um sie herum, sogar vielleicht auch weinend wegen ihr. Doch sie klammerte sich an die Vorstellung, dass das alles wegen Svenja war. War doch schon immer so, wenn die eine heult, machen alle andern weiter, obwohl es der ersten schon lange wieder gut ging. Doch gut gehen tat es Amelie gerade überhaupt nicht. Da war kein Grund mehr, weiterzukämpfen. Da gab es nichts mehr, wofür man kämpfen konnte. Alles Wertvolle, wonach Amelie strebte, war verloren. Verloren in ihrem schwarzen Loch. Doch da war noch immer ihre Freundschaft zu Sandra, die ihr jedoch im Moment auch nicht weiterhalf. Und doch war Sandra der dünne, aber sehr starke Faden, an dem Amelies Leben noch klammerte. Sie könnte es ihrer besten Freundin niemals antun, sie allein zu lassen. Sie könnte es sich selbst nicht verzeihen. Amelie kam es vor, wie als ob sich vier schwarze Wände von allen Richtungen auf sie zu bewegten. Sie konnte nicht entkommen, war so zu sagen gefangen in ihrem eigenen Leben. Konnte nicht aus ihrem Körper entfliehen, er ließ es einfach nicht zu. Und doch kämpfte der kleine Teufel auf ihrer linken Schulter darum, sie in den Wahnsinn zu treiben. Wenn da nicht dieser Engel auf der rechten Schulter wäre, wäre Amelie sich sicher gewesen, dass dieser Mittwoch der letzte ihres Lebens gewesen wäre. Doch dieser Engel war glücklicherweise da, um sie im letzten Moment noch auf den richtigen Weg zu weisen, was mehr oder weniger gezwungen passieren musste. Amelie wurde schwarz vor Augen. Sie konnte nicht weiter. Sie wollte weg, weit weg. Weg von diesem Ort. Weg von ihrem Leben, Flucht vor sich selbst. Also begann sie zu rennen. Sie musste sich jetzt einfach bewegen. Was sie genau tat war ihr egal, in diesem Moment konnte sie nicht einmal die Schmerzen spüren, die sie am ganzen Körper noch hatte. Nichts machte ihr noch etwas aus, ihr war einfach alles egal. Der Wind peitsche ihr ins Gesicht und ließ die sommerliche Hitzewand verblassen. Mit jedem weiteren Schritt fühlte sie sich freier. Bald würde es vorbei sein. Bald würde alles vorbei sein. Keine Probleme. Keine Dunkelheit. Keine Angst vor der Ewigkeit. Amelie besaß kein weiteres Gefühl mehr, abgesehen von diesem brennenden Hass in ihrem Herzen. Sie rannte und rannte. Plötzlich spürte sie einen heftigen Schlag auf ihrer linken Schulter. Die Schulter, auf der ihr kleiner Teufel triumphierend ruhte. Ein grober Ruck riss sie nach hinten. Der Teufel begann zu fallen. Nick baute sich vor ihr auf und blickte ihr direkt in die Augen. Sein Blick ließ Amelie erstarren, beruhigte sie für einen Moment. Doch länger konnte sie ihm nicht in die Augen blicken ohne erneut in Tränen auszubrechen.

„Ach Gott, jetzt komm mal her und lass dich drücken“, sagte er schließlich, und nahm sie in die Arme. Es tat so verdammt gut, einmal von jemandem umarmt zu werden, der mehr oder weniger gar nichts mit einem zu tun hatte. Einfach nur einmal in den Arm genommen zu werden, auch wenn man nicht mal weiß Gott wie gut befreundet war. Einfach aus reiner Freundlichkeit. Kam auch nicht mehr oft vor bei ihr, um ehrlich zu sein nie.

„Was ist denn nur los mit euch allen, Amy?“, fragte Nick besorgt. Darauf erzählte Amelie ihm die Bruchteile ihrer kleinen Geschichte, zu vergessen natürlich nicht die Gerüchte die dadurch aufkamen. Nick stand einfach nur da uns hörte Amelie voller Interesse zu. Sie war verwundert, da es im Prinzip so gut wie nie vorkam, dass ihr jemand außerhalb ihres „Freundeskreises“  freiwillig zuhörte. Und es tat verdammt gut mit Nick zu reden. Er gab ihr nach so gut wie jedem Satz zu spüren, wie gut er sie doch verstand. Amelie erzählte ihm von dieser Vorahnung, die sie hatte. Diese komische Atmosphäre, die die ganze Zeit über in der Luft lag. Und dies war nicht das erste Mal, dass Amelie eine Vorahnung bezüglich solcher Schicksalsschläge hatte. Sie spürte einfach, wann etwas passieren würde. Eigentlich dachte sie, als totaler Psychopath vor Nick zu stehen, doch dieser verstand sie mit jedem Wort mehr. Er erzählte ihr von sich selbst, dass es ihm genauso ging in manchen Situationen, dass er es auch spürte, wenn etwas passieren würde. Erleichterung machte sich in Amelie breit. Gleich schon fühlte sie sich nicht mehr allein. Endlich wusste sie, dass es auch andere gab, die sich so fühlten wie sie. Es baute sie einfach etwas mehr auf. Und doch schaffte sie es noch nicht ganz aus ihrem Loch. Ihr Leben wäre ruiniert wenn es so weiter gehen würde. Es hätte keinen Sinn mehr. Dass Amelie oft alleine gewesen war, war ihr natürlich bewusst und machte ihr inzwischen auch nicht mehr allzu viel aus wie noch vor wenigen Wochen, doch jetzt, da sie wusste, dass jeder sie nicht nur alleine ließ und sie nicht nur nicht wirklich leiden konnte, sondern auch noch verachtete und wie sie erfuhr auch Angst vor ihr hatte, konnte sie nicht ertragen. Ja, sie hatten Angst vor ihr. Angst, dass sie Anna umbringen wollte. Sie, Amelie, die Mörderin. Das einzige, was wegen ihr selbst starb, war ihre Seele.

Nachdem Nick sie nochmals in den Arm genommen hatte, wollte sie wieder zurück zu Sandra, die noch immer allein auf der Bank saß. Sie konnte und wollte Sandra nicht allein lassen. Sie würde niemals so enden wollen wie all die anderen. Sie wollte niemals jemanden so verletzten wollen indem sie ihn allein lässt oder gar ignoriert. Niemals. Sie wusste ja selbst wie es ist, dieses erdrückende und trotzdem leere Gefühl, allein gelassen zu werden. Und trotzdem kam Nick ihr zuvor und rannte zu Sandra. Amelie torkelte langsam nach. Wie es schien musste es Sandra überhaupt nicht gut gehen, da sie sich zum ersten Mal öffentlich weinend gab. Natürlich wollte Amelie sie trösten, doch dazu brauchte sie Ruhe. Sie wollte ja schließlich auch nicht vor allen preisgeben, wie es ihr geht. Also bat sie Nick, wegzugehen, was er wider ihrer Erwartungen auch recht schnell tat. Das erste was sie tat, war Sandra in ihre Arme nehmen und fest an sich drücken. Sie war so verdammt froh, sie jetzt zu haben, jetzt, wo niemand anderes zu ihr stand. Sandra und Amelie verharrten noch eine ganze Weile dort auf der Bank, bis es schließlich zu voll wurde. Immer mehr weinende Mädels aus ihrer Klasse und der Parallelklasse kamen nach draußen, um sich bei ihrer besten Freundin auszuheulen. Amelie wurde immer wütender. Sollten sie sie doch einmal allein lassen, wenn sie es wollte! Einmal war sie mit Sandra allein um sich auszusprechen, schon kamen die ganzen Kinder und störten!

„Du, Sandra, wollen wir nicht hochgehen?“, fragte sie schließlich, als es ihr dann definitiv zu viele draußen waren.

„Gern, das gleiche dachte ich mir gerade auch“. Na zum Glück stimmte ihr Sandra zu. Amelie nahm ihre Hand und half ihr beim Aufstehen, da Sandra sich darin schwer tat. Zugegeben, Amelie zitterte genauso wie Sandra. Langsam begaben sich die Beiden ins Haus zurück. Amelie konnte förmlich die Blicke der anderen, die noch auf den Bänken saßen, auf ihrem Rücken brennen spüren. Sie gingen immer schneller. Im Treppenhaus angekommen überkam Amelie erstmals ein schwaches Gefühl von Freiheit. Sie hasste es beobachtet zu werden. Nichts war schlimmer als das. Als sie dann in ihrem Zimmer angelangt waren, beschloss Amelie sich auf ihr Bett zu setzen, wie immer wenn sie in das Zimmer eintrat. Natürlich hätte sie es nicht von Sandra erwartet, dass diese sich neben sie auf ihr Bett setzt, doch wie immer kam es anders als sie dachte: Auch Sandra stieg direkt nach Amelie die Stufen zu ihrem Bett hinauf und setze sich umständlich  neben sie. Da sie um einiges größer war als Amelie, musste das für sie wahrscheinlich ungewohnt wie sonst was sein. Amelie war in diesem Moment wieder so glücklich. Sie hatte Sandra. Endlich hatten sie wieder zueinander gefunden. Irgendwann waren die Beiden nur noch am Herumalbern. Sie kitzelten sich gegenseitig durch und lachten was das Zeug hielt. Dass sie sich dabei die ganze Zeit an der Wand oder an der Decke anschlugen, war ihnen total egal. Die Zeit mit Sandra war einfach wundervoll. Das musste wahrscheinlich der Ausgleich zu den schlechten Zeiten sein. Auch nur eine Sekunde, in der Sandra lachte, war der pure Sonnenschein für Amelie. In ihren Augen war der Tag wieder gerettet. Die Gerüchte waren ihr egal, denn das was zählte, war gerade nur Sandra und die wunderschöne Zeit, die Amelie mit ihr verbrachte. Auch als Jana ins Zimmer trat, war ihr das egal. Selbst zu Dritt verstanden sie sich prächtig im Moment. Es war ein so unbeschreibliches Gefühl, das pure Glück zu spüren. Und wie ein Mensch einem das Glück in die Arme legen kann…

Als Jana gekommen war, war das Chaos im Zimmer natürlich wieder perfekt: Sie schmiss ihre Sachen irgendwo hin, wo gerade noch ein kleines Stückchen vom Boden zu erkennen war, zwischen all den andern Klamotten und Sachen. Auf den Tisch konnte sie es ja schließlich nicht legen, war ja alles besetzt wegen den Kerzen vom Dienstag, von dem gesamten Zeug, das Amelie fürs Bad benutzte, und eben noch Stapel von Blättern, Stifte und natürlich noch einige Klamotten. Jana tat sich schon schwer, auch nur in das Zimmer einzutreten, doch sie fühlten sich alle pudelwohl. Sie setzte sich auf einen von Kleidern freien Stuhl und lachte einfach mal mit. Die Stimmung im Zimmer war einfach nicht zu übertreffen, bis sich plötzlich schlagartig die Zimmertür öffnete. Die Schmied trat ein. Amelie konnte allein schon an ihrem Blick erkennen, dass mit ihr gerade gar nicht zu spaßen war. Geladen wie sie war trampelte sie über die ganzen Sachen, die sauber auf dem Fußboden verstreut waren. Frau Kielmann stand noch draußen vor der Tür und machte bei Amelie den Eindruck, als ob sie für irgendwen Schmiere stehen musste.

„Was soll das denn?! Wie sieht es denn hier aus?! Aufräumen, aber sofort! Und was soll dieser Gestank?“ Ihr Geschrei hallte durch das ganze Zimmer.

„Nein, nein, nein! Jetzt nicht zum Fenster gehen! Nicht! Nein! Verdammt… Nicht die Kerzen sehen! Nein! …Doch. Zu spät…“ Amelies Gedanken spielten verrückt. Das Geschrei von der Schmied riss sie zurück.

„Ja was ist das denn? Bei euch ist aber schon noch alles klar, ja?! Kerzen?! Das ist versuchte Brandstiftung! Das geht nicht! Das ist unerlaubt! Völlig inakzeptabel! Und wie es hier aussieht! Nein, so geht das nicht mehr mit euch! Wessen Kerzen sind das überhaupt?“

„…Das dürften wohl meine sein…“, gab Amelie klein bei.

„Spinnt ihr eigentlich völlig? Und noch einmal: Das ist versuchte Brandstiftung! Seid ihr noch alle bei Trost, die unter dem Vorhang anzuzünden?! Nein, nein, ich ruf jetzt eure Eltern an, das ist unerhört! Heute Abend werden die euch noch abholen, ich sag´ s euch, heute Abend!“ Das waren die letzten Worte bevor die hinausging. Sprachlos standen Amelie, Jana und Sandra da. Was jetzt? Wie sollte das jetzt weitergehen? Sie konnte nicht heim, und die Schmied konnte unmöglich Karen anrufen um Amelie abzuholen! Lieber würde sie freiwillig wegrennen, als von ihrer Mutter abgeholt zu werden. Ihr Glück zerriss sich in zwei Hälften bis es schließlich zersplitterte und sich auflöste. Und es war nicht nur das Glück, das sie verließ. Wie auch ihre psychische Kraft, verließ sie die physische Kraft und Amelie sackte auf den Boden. Sie konnte und wollte nichts mehr sehen. Verzweifelt schlug sie ihre Hände vor ihrem Gesicht zusammen. Jetzt war alles vorbei. Karen würde sie daheim rausschmeißen. Und das meinte Amelie wörtlich. Jeder kleinste Fehler von ihr wurde dramatisiert und hochgeschaukelt. Es war doch eh alles falsch, was sie tat. Immerhin war sie ja bloß diese kleine „Gruftschlampe“, wie andere sie nur zu gern nannten. Diese kleine Gruftschlampe, die niemand brauchte, die einfach nur überflüssig war, das fünfte Rad am Wagen. So sah sie sich. Und nur so. Etwas anderes existierte nicht in ihren Gedanken. Dort lebten nur ihr Selbsthass, ihre Selbstverachtung, und der Hass gegenüber den anderen, die sie hassten. Im Allgemeinen waren ihre Gedanken geprägt von dem bloßen Hass. Vielleicht ein Fünkchen Liebe, doch wo sollte diese denn herkommen, wenn sie selbst ihr ganzes Leben keine Liebe bekommen hatte, weder vom Elternhaus, noch von Freunden, ausgeschlossen Sandra. Und wer braucht schon Liebe, wer braucht schon Gefühle? Die verursachen doch sowieso nur Probleme, nichts weiter. Eine kurze Liebesgeschichte, der Rest besteht aus Problemen. Also, warum überhaupt Gefühle? Sandra. Jetzt kam es ihr wieder. Dieses Glücksgefühl, als sie sich wieder mit Sandra vertragen hatte. Sie war noch nie so glücklich als zu den Momenten in denen sie Sandra bei sich hatte. Gefühle waren nicht einmal zu sinnlos. Sie machten glücklich, sogar sehr. Auch wenn es Tiefen gibt, waren da immer noch die Höhen. Ohne Tiefen erkennt man die Höhen nicht. Und auf Regen folgt immer Sonnenschein, also wieso sollte es jetzt in diesem Fall anders sein?

Ein lauter Knall. Amelie hob ihren Blick aus ihren Händen und schaute zur Tür. Die Schmied hatte sie laut zugeknallt. Kurz konnte sie Sandra schluchzen hören. Ein kurzer Blick zu ihr verriet ihr, dass Amelie nicht die einzige war, die zusammenbrach. Doch Sandra riss sich wieder relativ schnell zusammen und rannte zur Tür. Aggressiv wie sie war riss sie sie auf und rannte nach draußen. Da Amelie wissen wollte was sie da tat versuchte sie wieder aufzustehen. Ihre Beine waren wie gelähmt, sodass sie sie nicht wirklich bewegen konnte. Doch sie musste aufstehen. Sie schaffte es dann doch noch anschließend und torkelte zu dem Türrahmen. Im Augenwinkel konnte sie gerade noch Sandra erkennen, die der Schmied hinterher rannte. Zugegeben war es ein komischer Anblick. Frau Schmied, dick und klein wie sie war, wuselte voraus, und Sandra, die genau das Gegenteil von ihr war, rannte ihr nach. Dann packte Sandra die Schmied an der Schulter und riss sie mit voller Wucht zurück.

„Verdammt, sie lassen das! Wehe sie rufen die an! Rufen sie ruhig unsre Eltern an, doch wehe ihnen, sie rufen Amelies Mutter an!“

„Natürlich werde ich sie anrufen! Ich werde alle anrufen, und noch heute werdet ihr abgeholt werden! Das geht so nicht! Ihr seid eine Gefahr für die ganzen anderen Schüler!“

„Sie werden nicht anrufen! Verdammt, Frau Schmied!“ Sandra wusste nicht mehr was sie sagen oder wie sie sich verhalten sollte. Als Amelie das erkannte, ging sie schnell, soweit ihre Beine ihr das erlaubten, zu Sandra um ihr beizustehen.

„Oh Gott, ich bitte sie Frau Schmied, rufen sie nicht unsre Eltern an… Ich bitte sie wirklich. Unterlassen sie das!“ Amelie sah bedrückt auf den Boden. Vielleicht würde sie ja mehr bei ihr erreichen, indem sie einfach freundlich mit ihr sprach, und nicht gleich voll aufs Ganze ging. Die Schmied stand einfach nur da, starrte ins Nichts. Sie mache den Eindruck, als ob sie nachdenken würde. Ja, das tat sie wirklich. Lange Zeit stand sie einfach da und sagte nichts. Die Zeit war einfach nur nervtötend für Amelie und Sandra. Amelie wollte sich nicht vorstellen wie es Jana ging, die immer noch im Zimmer saß und nichts von dem mitbekam, was sich gerade hier draußen bei ihren abspielte. Endlich unterbrach die Schmied das Schweigen, nach den wenigen Sekunden, die Amelie wie eine Ewigkeit vorkamen.

„Gut, okay. Ich werde nicht bei euren Eltern anrufen und ich werde sie nicht benachrichtigen dass sie euch abholen sollen. Aber nur unter Einer Bedingung: Ich komme in einer halben Stunde wieder und es ist aufgeräumt, und  zwar so, dass man nicht das kleinste Anzeichen eines Chaos erkennen kann! Ansonsten seid ihr heute noch weg!“

„Versprechen sie uns das!“ Anders wollte Amelie sie nicht gehen lassen. Sie wollte alles nur nicht heim.

„Ja, gut, ich versprech´ es euch! Sonst noch irgendwelche Sonderwünsche?!“ Damit zog sie vollends ab. Die Kielmann trottete hinter ihr her und verschwand dann auch. Somit kehrte die Ruhe nach dem Sturm ein. Doch das war nur ein Lüftchen zu dem, was danach noch kam.

Als Amelie zurück zu ihrem Zimmer wollte, niedergeschlagen und deprimiert wie sie war, kam ihr natürlich wieder das halbe Nachbarszimmer entgegen und fragte sie aus, was denn passiert sei. Normalerweise würde es nicht nur das halbe, sondern das ganze Nachbarszimmer sein, das sie ausfragen würde, doch die meisten hatten sowieso Angst, entweder vor oder um Amelie. Angst vor ihr, das sie doch so gern mit einem Messer durch den Gang rannte und alle, die ihr in die Quere kamen, abstechen wollte, und Angst um sie, da sie sich die Pulsadern aufschneiden und sich umbringen wollte, und das logischerweise im Schullandheim. Sowieso. Jeden Tag doch immer wieder gerne. Man glaubte kaum, wie Amelie das beschäftigte mit diesen Gerüchten. Nicht dass sie Angst um ihren Ruf hätte (im Gegenteil, der war eh schon hin),  aber sie konnte es nicht ertragen, dass Leute, wenn sie ihr auf dem Gang oder sonst wo begegnetem, ihr demonstrativ auswichen, sie ignorierten, hinter ihrem Rücken über sie tuschelten, oder sie gar mieden. Und das sollten Freunde sein, wie sie immer behaupteten. Dieses typische Dahergelaber von wegen „Beste Freunde für immer und ewig, ich bin immer für dich da und wenn was Schlimmes kommt verlass ich dich“. Amelie konnte es einfach nicht verstehen, dass man auf Gerüchte hörte, und nicht auf sie selbst. Sie sollte es doch eigentlich am besten wissen, sie war ja schließlich dabei gewesen. Aber lieber glaubt man jemand anderem, würde ja schließlich langweilig werden, wenn man die Wahrheit weiß und nichts mehr dazuerfinden kann während man es weitererzählt, nur um sich selbst wichtig zu machen.

Logischerweise war Amelie nicht in der Lage zu, den Kindern zu antworten, sie war viel zu sehr mit sich und ihren Gedankenvorgängen beschäftigt, als sich jetzt auf so ein niveauloses Gespräch mit dem Nebenzimmer einzulassen. Als sie ins Zimmer zurückkam, hatte Sandra Jana schon alles erzählt. Sie waren schon fleißig beim Aufräumen. Nur noch fünfundzwanzig Minuten. Das würden sie niemals schaffen. Und dann würde die Schmied Amelies Mutter anrufen, die Amelie anschließend qualvoll peinigen würde. Wenn nicht sogar rausschmeißen, wie sie immer drohte. Das, zu ihrem Vater Dieter schicken, oder in ein Internat stecken. Einmal erwähnte sie etwas von einem Kinderheim, doch Amelie hatte recherchiert, das würde Karen niemals tun. Also packte Amelie kräftig mit an. Das Problem war, dass sie nicht einmal alles in den Schrank knallen konnte, da die Lehrer auch dort nachschauen würden. Also mussten sie wohl oder übel ihren gesamten Koffer auspacken, den Boden aufräumen, den Tisch sowieso, natürlich somit auch die ganzen Kerzen entsorgen, das Waschbecken putzen, logischerweise auch kehren, und so weiter. Eben alles, was dazugehörte. Auch wenn die zu Dritt waren, das würde schwer werden. Besonders da Amelie eh nichts auf die Reihe bekam wenn sie unter Zeitdruck stand. Endlich erschien auch mal Susanne quietschfidel und gut gelaunt. Zu gut gelaunt.

„Sag mal, was ist denn bei euch schon wieder los? Ist schon noch alles klar ja?!“, meinte sie nur als sie eintrat. Oh ja, viel zu gut gelaunt. In Kurzfassung erzählten Amelie und Sandra ihr die ganze Geschichte mit der Schmied.

„Nee, das soll jetzt ein Scherz sein?!“ Das war das einzige, was Susanne dazu sagte. Doch schließlich glaubte sie das. Und so brach dann auch das kleine Lehrerlieblingskind zusammen und heulte. Irgendwie kam es Amelie viel zu übertrieben vor, was Susanne da veranstaltete, doch sie schwieg erstmals. Nur noch zehn Minuten bis sie kamen… Und Susanne saß nur heulend und schreiend auf ihrem Bett. Sandra versuchte alles, um das Zimmer auf Fordermann zu bringen. Jana blieb natürlich wie immer auf dem Boden, obwohl man deutlich an ihr erkennen konnte, wie genervt sie im Moment von Susanne war, und damit war sie nicht allein.

„Verdammte Scheiße, Susanne! Beweg dich jetzt sofort und räum mit auf!“, schrie Sandra sie an. Doch mit diesem Satz begann Susanne nur noch lauter zu Heulen. Sie war kaum zu stoppen.

„Stell doch verdammt noch mal nicht so an und mach jetzt was! Wenn du willst, dass wir nicht rausgeschmissen werden, dann hilf uns jetzt, sofort!“ Geholfen hat das auch nicht wirklich viel. Susanne stand nur auf, hob eine Hose von ihr auf und legte sie zusammen und in den Schrank. Mehr machte sie auch nicht. Als Sandra das saß, rastete sie noch mehr aus und schrie Susanne noch lauter an. Endlich hörte diese mal auf sie und packte mit an. Amelie war gerade am Tisch zugange. Während sie über alles nachdachte, glitt ihr so ziemlich alles aus der Hand. Ihre Gedanken zogen sie immer und immer tiefer in ihr dunkles Loch. In ihr war ein Gewitter ausgebrochen, das sie nur zu gern nach außen gestülpt hätte. Vor ihr verschwamm der Tisch und somit alles andere was sie noch vor Augen hatte. Ihre Kräfte verließen sie noch einmal und sie sank auf den Boden. Wieder rollten ihr Tränen über die Wangen. Doch diesmal wollte sie sie sogar zurückhalten, was jedoch nicht funktionierte. Was, wenn sie wirklich rausgeschmissen werden? Zu Hause. Ihre Vergangenheit. Karen. Stecher. Mark. Annette…  Angst überkam sie. Von jetzt auf nachher fing Amelie an zu zittern.

„Auf geht´ s Amy, mach hin!“, sagte Jana, die bemerkt hatte dass Amelie fast vollständig unter dem Tisch lag. Amelie versuchte aufzustehen um weiterzumachen. Fünf Minuten noch. Und Amelie war noch immer viel zu aufgelöst um jetzt zu putzen. Sie war bereits vor lauter Weinen abgeschminkt. Jana war gerade dabei durchzukehren, Sandra und Susanne räumten die Schränke ein. Kurz blickte sich Amelie im Zimmer  um. Inzwischen sah es eigentlich recht übersichtlich aus, soweit die das mit ihren Tränen in den Augen erkennen konnte. In den letzen paar Minuten versuchte sie noch, diesen verstümperten Bettbezug vollständig über ihre Decke zu ziehen, woran sie jedoch scheiterte. Den überflüssigen Stoff schob sie einfach unter die Decke, da sah das ganze schon gleich gar nicht mal mehr so unschön aus. Und so schlimm würde sie nicht einmal die Schmied und den Peterson einschätzen, dass die sogar unter der Decke nachschauen würden. Obwohl, man weiß ja nie… Noch kurz alles durchschauen, ob sie auch wirklich nichts vergessen haben, bis die Lehrer kamen. Für einen kurzen Moment überkam Amelie ein Gefühl von Stolz, was jedoch sofort wieder verschwand. Sie wechselte noch schnell ihre Klamotten, die vom Putzen total schmutzig waren. Ihre Jeans klebte eh wie ein nasses Stück Stoff an ihr, also zog sie ihre schwarze Hose an. Ihr T-Shirt war sowieso schwarz. Kurz schaute sie sich im Spiegel an. Sie wusste selbst nicht recht, ob sie jetzt wirklich so aussehen wollte wie sie gerade ausschaute. Obwohl die schwarzen Haare schon immer ihr Wunsch war, hatte sie sich es doch anders vorgestellt. Aber man konnte nichts mehr daran ändern.

Die Türe ging schlagartig auf. Schmied und Peterson traten ein. Jana uns Sandra blieben wie angewurzelt stehen. Susanne bewegte sich sofort auf die Seite der zwei Lehrer, wie es auch zu erwarten gewesen wäre. Und Amelie stand da. Stand einfach nur da und machte nichts. Ihre einzige Bewegung war das Zittern ihrer Hände. Ihr war kalt und doch rann ihr erneut der Schweiß den Rücken hinunter. Ihr war die pure Angst ins Gesicht geschrieben.

Nachdem die Schmied und der Peterson ihren Rundgang durch das Zimmer und somit ihre Kontrolle erledigt hatten, kam Herr Peterson auf Amelie zu. Ihre Angst breitete sich immer weiter aus. Mit jedem Schritt von ihm wurde sie größer und der Abgrund vor dem sich ihre Seele befand wurde immer tiefer. Ihr Licht für den Ausweg verblasste mehr und mehr.

„Amelie, du bleibst hier in diesem Zimmer, wir würden gern noch ein Wörtchen mit dir sprechen!“ Er drehte sich zu Jana, Sandra und Susanne. „Und ihr geht jetzt mal raus!“ Sandra warf Amelie nur noch einen Blick zu, der Amelie sagte, sie solle durchhalten, sie wäre nicht allein. Also verließen sie wie gewünscht das Zimmer. Nun stand Amelie angelehnt am Tisch und blickte Herrn Peterson und Frau Schmied, die gegenüber von ihr standen jeweils abwechselnd an. Sie war abgespannt und nervös, hatte Angst vor dem was jetzt kommen würde. Doch sie musste durchhalten…

„Kannst du mir mal erklären was das soll?!“, begann Peterson auf einmal zu schreien. Amelie zuckte zusammen. Bitte was?! Was sollte was? Sie verstand die Welt nicht mehr. Was wollten die jetzt eigentlich von ihr?

„Was soll was? Was hab ich denn getan?“, fragte sie. Sie war sprachlos.

„Mädel, willst du mich verarschen?! Alles! Alles ist deine Schuld! Und tu jetzt nicht so unschuldig. Du bist an allem Schuld!“ Amelies Frage zuvor machte ihn nur noch aggressiver. Sie hatte das dumpfe Gefühl, wahnsinnig zu werden.

„An was sollte ich denn bitte schön schuld sein? Was hab ich denn getan?!“ Nun war auch sie aufgebracht. Was fiel diesem aufgeblasenen Typ nur ein?

„An was du schuld sein sollst?! An allem! Und das weißt du auch ganz genau! Mach mir hier nichts vor! Weswegen heulen die denn bitte schön alle?! Du bist an allem, wirklich an allem Schuld!“ So konnte diese Konversation nicht weitergehen.

„Ach, weil die alle heulen? Deshalb, ja? Dafür sollte ich verantwortlich sein?! Was wollen sie eigentlich von mir?  Was sollte ich damit zu tun haben, wenn Svenja sich übergibt?! Deshalb, und nur deshalb, heulen die alle! Ich hab soweit ich weiß gar nichts damit zu tun!“, gab Amelie gereizt zurück. Jetzt meldete sich auch sie Schmied zu Wort:

„Ach, und was war mit dieser ganzen Geisterheraufbeschwörung da in eurem Zimmer?“

„Bitte was?!?!“ Oh Gott, woher sollten die das wissen? Verdammt. Wie sollte Amelie ihnen das nur erklären? Man würde ihr sowieso nicht glauben! Egal, verloren war eh schon alles. Jetzt sollte ihr nur noch eine Ausrede einfallen.

„Das war erstens keine Geisterbeschwörung, sondern ein harmloses Partyspiel, und zweitens, was hat da das eine mit dem andern zu tun? Ich sehe hier keinen Zusammenhang!“ Na, für das dass sie ihre Gedanken momentan überhaupt nicht ordnen konnte, war das schon mal was.

„DU hast das alles fabriziert, und allein wegen dir ist das alles so verlaufen!“ Der Peterson konnte einfach nicht damit aufhören sie zu provozieren.

„Genau, harmloses Partyspiel, das ist wohl das Lächerlichste was ich jemals gehört habe!“, fuhr er fort.

„Ich müsste es doch besser wissen als sie, oder? Ich war ja schließlich dabei!“

„Ach, und deshalb ist Anna jetzt total fertig, weil ihr sie anscheinend umbringen wolltet?!“

Das gab es doch nicht, der hörte einfach nicht auf. Amelies Wut stieg auf 180 °C. Ihr Herz schmerze ihr schon da es so heftig schlug.

„Sagen sie bloß, dass sie so naiv sind und das glauben was die erzählen?!“

„Nein, aber lieber würde ich allen anderen glauben als dir! Übrigens, wenn wir schon dabei sind: Zeig mir deinen Arm!“ BITTE WAS?! Ihren Arm? Wie kommt der da drauf? Was sollte das? Am Liebsten hätte sie jetzt laut um Hilfe geschrieen. Warum sollte sie ihm ihren Arm zeigen? Um keinen Preis der Welt würde sie das tun. Da müsste man sie schon zu zwingen. Nachdem Amelie ihren Arm Peterson und Schmied verweigerte, begann Peterson noch einmal darum zu verlangen, ihren Arm zu sehen. Und wieder verneinte sie dies. Im Prinzip konnte sie ihm den rechten Arm zeigen, war ja nichts dabei. Und wenn sie einen Arm sahen, sollte das wohl reichen. Also streckte sie ihnen den rechten Arm entgegen, sodass sie die Oberseite bewundern konnten. Peterson packte den Arm und riss ihn um, dass man auch die Unterseite sehen konnte. Dass da nichts zu sehen war, befriedigte ihn nicht, also verlangte er, dass Amelie ihnen noch den anderen Arm zeigen sollte. Und wieder kamen von allen Seiten schwarze Mauern auf Amelie zu. Inzwischen waren die Mauern ihr so nah, dass sie kaum noch das Licht dahinter erkennen konnte. Aber man konnte sie schließlich nicht dazu zwingen, ihren Arm oder sonst was zu zeigen. Das durfte man nicht, schongleich gar nicht irgendwelche Lehrer.

„Ich sehe da keinen Grund zu, ihnen das zu zeigen. Wieso sollte ich auch?!“

„Du zeigst uns das jetzt sofort!“ Peterson schrie sie regelrecht an. Amelie fühlte sich so klein. Sie konnte nichts machen. Seine Hand schnellte hervor und zog Amelies linken Arm zu sich. Er bewunderte zuerst das Handgelenk, wo noch der Schnitt von Vorabend klaffte, wollte ihren Arm dann vollends umdrehen, wogegen sich Amelie mit aller Kraft die sie noch besaß, sich zu wehren versuchte. Logischerweise war er stärker. Nun lag ihr entblößter Unterarm ihm und der Schmied unter den Augen. Amelie konnte gar nicht hinsehen. Sie fühlte sich so durchschaut, so nackt. Nun war es zu spät. Schweigen trat in den Raum. Amelies Blick beharrte noch immer auf dem Boden. Sie konnte nur das leise Schluchzen von der Schmied hören. Die Stille kam Amelie wie Ewigkeiten vor. Endlich wurde sie durch Peterson gebrochen.

„Wann war das?“, fragte er. Nun war da eine kleine Besorgnis in seiner Stimme zu hören.

„Lange her…“ Amelie war sich ziemlich sicher, dass die frischeren Schnitte nicht mehr richtig zu erkennen war, ausgeschlossen dem von gestern vielleicht, aber das könnte von so gut wie allem stammen.

„Bist du dir da sicher?“ Amelie glaubte es gar nicht. Er hackte noch immer auf dem Thema rum.

„Hätte ich es sonst gesagt?“, gab sie schnippisch zurück.

„Ja, aber das war doch jetzt erst! Das sieht doch frisch aus! Aber das kannst du doch nicht tun! Weiß deine Mutter bescheid?“, stotterte die Schmied. Sie konnte es wahrhaftig nicht glauben. Amelie verdrehte in Gedanken die Augen.

„Natürlich weiß sie es!“ Und das war noch nicht mal gelogen. Karen wusste es wirklich, sie hatte es vor langer Zeit gesehen,  wusste jedoch nicht, dass Amelie es noch immer tat.

„Das heißt wir müssen ihr nicht bescheid sagen? Mein Gott, ich würde sie jetzt am liebsten anrufen! Du solltest allen Ernstes heimgehen, Amelie! Wir sind schließlich dafür verantwortlich, wenn du dir hier im Schullandheim etwas antust! Stell dir mal vor es wäre weitergegangen!“, sprach sie unter Tränen.

„Mein Gott, keine Angst, ich werd es schon nicht mehr machen!“ Inzwischen war ihre Angst verflogen und sie war nur noch angekotzt.

„Sie versprechen mir, dass sie es niemandem sagen! Im Ernst, ich vertraue ihnen! Sagen sie es keinem!“, fügte Amelie noch schnell hinzu, als die Zwei den Anschein machten, gehen zu wollen. Die Schmied machte eine kurze Geste, als ob sie Amelie umarmen wollte, ließ es aber dann bleiben. Wie es schien, war das Thema für die Beiden somit erledigt. Amelies flehende Bitte ignorierten sie einfach als ob nichts gewesen wäre.

„Gut okay. Dann holen wir jetzt Sandra und Jana herein um mit ihnen zu sprechen und du darfst gehen. Aber ich sag´ s dir, du bleibst in diesem Haus hier!“, sagte Peterson in demselben scharfen Ton wie zuvor auch schon. Erleichterung tauchte Amelies Herz in einen Hauch von Wärme. Als sie an der Schmied vorbeiging, konnte sie eine kleine Träne in ihrem Auge erkennen, doch sie wollte so schnell wie möglich hinaus. Vor der Zimmertür verschnaufte sie erstmals, dann schickte sie Jana und Sandra hinein, die Amelie nur besorgt und fragend anblickte, doch für Erzählungen blieb ihr jetzt keine Zeit. Sie lehnte sich an die Wand, ihr Blick fiel nach oben. Sie schloss die Augen, konnte das alles nicht mehr ertragen. Dann sank sie auf den Boden und schlug die Hände über ihrem Kopf zusammen. Weit weg konnte sie Stimmen hören, doch das waren nicht nur Stimmen, das waren Schreie. Amelie blickte sich im Gang um: Er war menschenleer. Doch wo waren all die Kinder? Sonst war immer irgendjemand im Gang. Jetzt fiel ihr Blick auf die Glastür. Sie war geschlossen, was sonst nie der Fall war. Hinter der Glastür stand so ziemlich ihre ganze Klasse plus Parallelklasse. Es waren mindestens fünfzig Menschen, die sie anblickten. Ihre Augen waren erfüllt von Sorge, von Angst und von purem Hass. Manche waren ausdruckslos, andere verrieten Amelie, dass sie ihr am liebsten an den Hals fallen würden. Die einen waren erfüllt von der Besorgnis um Amelie, die anderen erfüllt von der Angst vor ihr. Und sie konnte niemanden erkennen, der jetzt in irgendeiner Art zu ihr stehen würde. Mit ihrer letzten Kraft kämpfte sie sich nach oben und schritt langsam in Richtung Glastür. Die, die direkt hinter der Glastür standen, wichen schnell zurück, als Amelie näher kam. Sie wollte die Glastür öffnen, doch sie hatte zu sehr Angst vor den Reaktionen. Also stand sie nur da und blickte in die Gesichter der anderen. Sie fühlte sich so klein, so unverstanden. Warum hatten die alle so Angst? Die glaubten doch wohl nicht wirklich, dass Amelie jetzt mit dem Messer durch den Gang rennt und Mordgelüste hat? Zugegeben, es war ein komischer Anblick am Vortag gewesen, Amelie neben dem riesigen Dolch von Jana zu sehen, doch dies war kein Grund, um jetzt zu denken, dass Amelie jeden absticht, den sie sieht. Das Gefühl in ihr war unerträglich. Leere breitete sich in ihr aus. Tiefe Leere, die all die anderen Gefühle, wie beispielsweise Glück oder Zufriedenheit, somit ihren gesamten Optimismus, verschluckte. Sie stand allein auf ihrer Seite. Alle anderen gegenüber von ihr. Auf der anderen Seite. Niemand der zu oder bei ihr stand. Die Angsterfüllten Blicke starrten sie noch immer an. Es war, wie als ob sie regelrecht auf Amelie fixiert waren. Diese blickte nur zurück und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass Sandra und Jana jetzt kommen. Nein, sie musste kämpfen. Sie durfte jetzt nicht aufgeben, nicht vor all den Augen der anderen. Was mussten  die nur über sie denken? Kleine antichristliche, satanistische Gruftschlampe, die sich aus Mitleid in die Arme schneidet, nur weil sie einmal keine Aufmerksamkeit bekommt. Armes kleines, bemitleidenswertes Nichts. Jetzt, da die Lehrer schon so gut wie alles über sie wussten, wusste es logischerweise auch der Rest, von irgendjemand musste der Peterson und die Schmied das ja herhaben. Und wie es jetzt den Anschein machte, wusste es die gesamte Klasse und Parallelklasse. Es war erniedrigend. Sie fühlte sich nackt, nackt bis auf die Knochen. Die Blicke durchbohrten ihre Gedankenvorgänge, die sowieso alles über den Haufen schmissen. Endlich packte sie der Mut und sie ging zur Tür, um sie langsam zu öffnen. Sie wollte raus, raus aus dieser Irrenanstalt. Den Blicken der andern zu folgern war wahrscheinlich Amelie die einzige, die hier verrückt war. Doch sie hatte schließlich keine Gerüchte in die Welt gesetzt. Sie hatte niemanden allein gelassen, als er Hilfe benötigt hatte. Sie hatte nicht die Idee, dass sie vielleicht Anna oder sonst wen umbringen wollte. Nein, das war alles nicht nur sie. Natürlich hatte sie ihren Beitrag dazu geleistet, doch allein ihre Schuld war es nicht.

Wieder einmal wich die erste Reihe demonstrativ einen Schritt zurück. Amelie hatte es die Sprache verschlagen. Sie konnte schon kaum mehr die Tür aufhalten. Doch sie schaffte es, noch einen vollständigen Satz herauszubekommen.

„Oh mein Gott, was ist denn los mit euch allen?“ Das meiste wurde von ihrem Schluchzen übertönt. Keine Antwort, nur verwunderte Blicke. Nach Ewigkeiten erbarmte sich jemand, Amelie zu antworten. Wer jedoch, wusste sie nicht mehr. Sie konnte rein gar nichts mehr flüssig erkennen.

„Wir dürfen nicht in den Gang. Wurden ausgesperrt.“ Bitte was?! Warum denn das?

Ganz weit hinten, weit hinter den ganzen Kindern konnte Amelie einen Mann erkennen. Er schritt schnell zu den andern, die noch immer wie angewurzelt vor der Glastür gegenüber von Amelie standen. Dieser Mann, groß und glatzköpfig, drängte sich durch die Menschenmenge, um besser zu der Glastür zu sehen. Als er Amelie erblickte, begann er nur zynisch zu lachen. Er lachte nicht über die ganzen Schüler, die alle den Tränen nahe standen, wenn sie nicht schon teils heulten, er lachte einzig und allein über Amelie. Schmerz trat in ihre Seele. Sie bekam das Gefühl, langsam zu fallen. Einen Abgrund hinunterzustürzen und nicht mehr aufzuschlagen.

„Ach jetzt weiß ich auch, was mit euch allen hier los ist! Jetzt ist es klar, hier steht ja der Teufel höchst persönlich!“, schrie er mit dem Blick auf Amelie gerichtet. Dann ging er wieder. Noch während er ging, behielt er dieses grässliche, zynische Grinsen auf seinem Gesicht. Dieser Satz traf Amelie wie ein Schlag ins Gesicht. Sie konnte keine Reaktion zeigen, da sie so geschockt war. Sie? Teufel höchst persönlich? Wie oberflächlich können Menschen denn sein?! Wieso? Wieso beurteilen alle sie aufgrund ihres Äußeren? Sehen sie nicht, was dahinter stecken kann? Amelie war alles andere als ein schlechter Mensch. Niemals würde es ihr einfallen, jemand anderes so bloßzustellen. Niemals würde es ihr einfallen, jemand anderes so zu verletzen. Der Teufel höchst persönlich… Es konnte nicht mehr so weitergehen. Es musste sich was drastisch ändern. Und dieses Etwas würde wohl oder übel Amelie selbst sein. Sie konnte es nicht mehr ertragen, als „Gruftschlampe“ bezeichnet zu werden. Sie konnte es nicht mehr ertragen, auch nur durch ihr bloßes Auftreten schief angeschaut zu werden. Eigentlich wollte sie doch nur so sein, wie alle anderen auch waren. Unauffällig. Normal eben. Sie musste sich verändern. Das wäre das Beste für sie und für all die anderen auch. Nur damit sie in Ruhe gelassen wird. Nur damit alle anderen die akzeptierten. Amelie war sich nicht sicher, ob sie sich jetzt für sich selbst jetzt verändern wollte, oder nur, um von den andern wieder toleriert zu werden. Doch so wie sie jetzt war, konnte es keinesfalls weitergehen, die würde sich niemals mehr  wohl in ihrem Körper fühlen können, nach all dem, was vorgefallen war. Sie würde wahrscheinlich jedes Mal wenn sie in den Spiegel blicken würde in eine Welle von Selbsthass und Erinnerungen an das Schullandheim hier tauchen.

Und noch immer stand sie sprachlos da und blickte abwesend in die Gesichter der anderen. Es waren ihr zu viele Menschen hier… Und auch noch verteilt auf zwei Seiten. Sie fühlte sich, als ob sie gegen den Rest der Welt ankämpfen musste. Und das ganz allein. Plötzlich konnte sie eine Hand auf ihrer Schulter spüren. Sie wurde leicht getätschelt.

„Das schaffst du schon, Amy“, sagte Nicks Beruhigende Stimme. Amelie drehte sich schnell um. Tatsächlich, sie blickte in das Gesicht von Nick. Nun stand sie nicht mehr allein auf ihrer Seite. Auch wenn da nur eine Person hinter ihr stand, sie fühlte sich gleich schon viel stärker.

„Hey du, was ist denn überhaupt los? Warum schauen die mich alle so an?“ Da sprach nicht Amelie, da sprach nur ihre reine Verzweiflung.

„Ja, wegen den ganzen Sachen, die da eben über dich rumgehen…“ Nick konnte nicht mehr sagen, er wollte Amelie nicht zu sehr verletzen.

„Was zur Hölle geht denn noch alles rum? Was wissen die alles?“, fragte sie entsetzt.

„Hm, ja, dass du dich ritzt wissen die. Hat zumindest die Schmied gesagt… Und da wären halt noch diese ganzen Gerüchte, du weißt ja…“ Verdammt, verdammt, verdammt… Wieso? Wieso nur? Wie konnte dieses Arschloch von Schmied nur? Wie konnte sie?

„Was hat die Schmied gesagt?“

„Die hat dazu nicht mehr viel gesagt…“ Na wenigstens das. Doch verloren war sowieso schon alles. Ihr Ruf, ihr Leben, ihre „Freunde“, und natürlich sie selbst, oder zumindest das, was sie war.

In diesem Moment öffnete sich die Tür zu Amelies Zimmer. Benommen traten Jana und Sandra heraus. Peterson und die Schmied kamen langsam nach. Sandras Gesicht verkündete Amelie Unheil. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was die zwei Lehrer Jana und Sandra gefragt hatten. Oder was sie sagten.

„Amy, du kannst jetzt wieder reinkommen…“, sagte Sandra leise. Erlösung. Endlich weg von den seelenaussaugenden Blicken dieser Menschen. Im Vorbeigehen klopfte sie Nick noch dankend auf die Schulter. Er hatte sie wirklich gerettet. Lange hätte sie es nicht mehr ausgehalten, so wie sie dastand. Diese wissenden Augen hätten sie wahrscheinlich noch umgebracht. Sofort als die Zimmertür hinter ihnen geschlossen wurde, begann Sandra, Amelie besorgt zu fragen, was da drin vorgefallen war, als sie mit den Lehrern sprechen musste. Also erzählte Amelie Sandra und Jana von diesem Gespräch und davon, wie der Peterson ihre Hand zu sich gerissen und ihren Arm bewundert hatte. Davon, wie nackt sie sich gefühlt hatte, und von  ihrer Entscheidung, die sie traf als sie von den Blicken der anderen gefesselt wurde. Sandra und Jana konnten es kaum glauben. Dann begannen auch sie mit dem Erzählen. Die Schmied muss auch sie gefragt haben, ob sie sich schneiden würden, was jedoch glücklicherweise nicht der Fall war. Dann waren da eben noch die Standartfragen, die sie Amelie auch gefragt hatten. Amelie konnte es nicht glauben. Was hatten sich die Lehrer da überhaupt einzumischen? Was Amelie tat war ihre Sache, da hatte niemand mitzufunken. Außerdem waren dies alles viel zu persönliche Fragen, die ein Lehrer einen Schüler niemals zu fragen hatte. Amelie setzte sich zu Jana und Sandra auf ihr Bett. Sie war fast schon wieder kurz davor, in Tränen auszubrechen, was Sandra jedoch verhinderte indem sie sie umarmte. Amelie war so froh, jetzt jemanden wie sie zu haben. Sie war so unbeschreiblich glücklich, dass sie genau jetzt nicht allein war. Glücklicherweise hat sich die ganze Situation in Amelies Augen verbessert, oder zumindest kam es ihr nur so vor. Wahrscheinlich wieder eines ihrer kurzen Glückserscheinungen. Auf einmal klopfte es erneut an der Zimmertür. Hart wurde Amelie aus ihrer kleinen Glückswolke gerissen. Warum konnte sie nicht einmal nur in Ruhe gelassen werden, wenn es einmal so schön war?!

„Ja, herein!“, rief Sandra. Gleich darauf traten Benni, Sebastian und Thomas, die auch in ihre Klasse gingen, ins Zimmer ein.

„Hey Amy, ist alles klar bei dir?“, fragte Thomas, als er sich an den Tisch gegenüber von Amelie setzte.

„Ja logisch, was sollte auch sein…“ Abwesend blickte sie ins Nichts. Was sollte das? Sonst interessierte man sich nie für Amelie, niemals. Besonders nicht Thomas. Und jetzt kam man her. Vielleicht machte man sich ja doch Sorgen um Amelie. Irgendwann war dies auch berechtigt. Auch Benni und Sebastian fragten nach Amelie, ob alles wieder in Ordnung wäre.

„Sag mal, Amy, stimmt das wirklich, dass du dich geritzt hast?“

„Ich wüsste nicht was euch das angehen sollte“, erwiderte diese. „…Wie kommt ihr da überhaupt drauf? Wo habt ihr das gehört?“

„Peterson hat irgendetwas in der Art erwähnt…“ Dieses aufgeblasene Arschloch. Amelie hatte ihnen vertraut. Sie hatte ihnen allen Ernstes vertraut. Und sie wurde wieder einmal enttäuscht. War doch zu erwarten von dem Peterson und der Schmied.

„Was hat der gesagt?“ Mehr brachte sie im Moment nicht heraus, so sprachlos wie sie war.

„Er hat da nicht viel zu gesagt, hat dann nur noch gemeint, dass das schon Ewigkeiten her sein muss, als du das gemacht hast“. Na wenigstens das. Und dennoch musste das nicht sein! Auch Sandra blickte wütend drein, da sie ganz genau wusste, dass Amelie Schmied und Peterson in diesem Moment vertraut hatte. Ihr blieb ja auch nichts anderes übrig…

„Aber jetzt sag mal, hast du das wirklich gemacht?“ Die drei Jungs hörten einfach nicht auf damit. Was  interessierte die das überhaupt? Als es so war hat sich doch auch niemand um sie gekümmert.

„Ist doch jetzt völlig sekundär!“ Amelie schrie schon fast. Sie fühlte sich so provoziert. Es hatte niemanden zu kümmern. Außer vielleicht ihre Freunde, und die waren jetzt bei ihr, also brauchte sie all die anderen nicht. Die konnten alle wegbleiben.

„Tut mir leid, ich wollte dich nicht nerven…“ Wenigstens zeigte Thomas dann doch noch Einsicht.

Sie saßen alle noch lange Zeit da und redeten. Amelie und Sandra wollten alles über die Gerüchte wissen, die noch immer herumgingen. Die meisten erfuhren sie, doch einige würden sie wahrscheinlich bis heute noch nicht wissen, da sie so schlimm waren. Um ehrlich zu sein wollte Amelie diese auch gar nicht mehr wissen. Es sollte einfach alles vorbei sein. Alles vergessen und vorbei. Doch leider ging das nicht so schnell.

Bals klopfe es wieder an der Tür. Doch diesmal wartete man nicht, bis jemand „Herein!“ schrie, sondern Peterson trat einfach ins Zimmer ein.

„Auf geht´ s Jungs! Ihr geht jetzt rüber, aber sofort! Und ihr werdet jetzt schlafen gehen! In einer halben Stunde ist das Licht aus und ihr seid mucksmäuschenstill! Ich sag´ s euch, wenn ihr irgendeinen Mist baut! Wir werden sowieso jede halbe Stunde euer Zimmer kontrollieren. Also denkt erst gar nicht daran, etwas Falsches zu machen. Gute Nacht!“ Mit diesen Worten verschwand er sofort wieder. Wie lächerlich. Was sollten sie bitteschön denn machen? Sich aus dem Fenster werfen und vielleicht gerade einmal einen Arm anbrechen? Oder glaubte der wirklich, dass sie nochmals „Satan beschwören“ wollten? Amelie konnte darüber nur noch lachen.

„Leute, ziehen wir uns schnell um, nicht dass die noch weiterstressen. Ich würde jetzt gern meine Ruhe haben, der Tag war schlimm genug“, sagte Jana. Sehr schön. Schnell zog sich Amelie um und legte sich in ihr Bett. Doch irgendwie war etwas anders.

„Hey ihr, wo ist denn eigentlich Susanne? Ich hab die seit die Schmied und der Peterson hereingekommen sind nicht mehr gesehen!“, fragte Amelie schließlich.

„Die wollte nicht mehr bei uns im Zimmer bleiben, hatte zu sehr Angst! Die ist jetzt im anderen Zimmer bei Yvonne“, gab ihr Jana zur Antwort.

„Oh mein Gott, wieso denn das?“

„Entweder sie hasst uns jetzt völlig, oder sie hatte wirklich Angst“, meinte Sandra. Amelie musste sich ein Lachen verkneifen, das teils aus Schadenfreude und teils aus Glück, da Susanne nicht mehr bei ihnen im Zimmer war, bestand. Jana ging noch kurz Zum Lichtschalter um das Licht zu löschen, legte sich dann schließlich auch in ihr Bett. Sie war genauso froh wie Amelie, Susanne jetzt loszuhaben. Da lag Amelie nun, endlich zur Ruhe gekommen nach diesem anstrengenden Tag. Doch sie fühlte sich so einsam dort oben.

„Du, Sandy, darf ich zu dir runterkommen?“, fragte sie kleinlaut.

„Nein, bleib lieber oben, das wäre sonst nicht so gut, weißt ja, die wollen jede halbe Stunde kontrollieren!“ Na super. Eigentlich war Amelie das so was von egal, doch wenn Sandra es so wollte, sollte ihr das Recht sein, sie wollte ihr ja schließlich nicht auf die Nerven gehen.

„Gut, dann wünsch ich euch mal ne gute Nacht, träumt was Süßes!“ Das waren ihre letzten Worte für diesen Tag, den sie niemals vergessen würde.

„Gute Nacht!“, gähnte Jana.

„Ja, euch auch ne gute Nacht, schlaft schön!“ sagte Sandra noch.

Nun war Ruhe eingekehrt und Amelie war allein mit ihren Gedanken. Wie sie vorhin schon beschlossen hatte, es würde das Beste sein, wenn sie sich verändern würde. Um es ehrlich zuzugeben, auch Amelie fühlte sich nicht immer wohl in ihrer Haut, so wie sie war, doch dies lag wahrscheinlich an den Reaktionen der anderen auf  sie. Amelie wollte einfach nur toleriert werden, mehr nicht. Ab dem nächsten Tag würde sie sich verändern, sie würde so sein, dass all die anderen sie nicht mehr wieder erkennen werden. Und sie würde diesem verdammten Lehrer, der sie „Teufel“ genannt hatte genauso zynisch lachend ins Gesicht schauen und ihn fragen, wer jetzt eigentlich der Teufel sei. Sie würde alle anderen auslachen, auslachen dafür, was diese ihr angetan hatten. Sie würde sie lachend anblicken und denken „so, ich habe es geschafft“. Alles würde sich verändern, und das nicht zum Negativen. Amelie konnte es schon spüren.

Exakt eine halbe Stunde später öffnete sich die Zimmertür, ein kurzer Blick hinein und sie Tür schloss sie wieder. Amelie begann zu kichern, womit sie nicht ganz allein war. Es war einfach zu lächerlich. Der Tag war vorbei, alles Vergangenheit und nichts als Erinnerung. So schrecklich der Tag auch war, so glücklich war Amelie jetzt, dass es vorbei war. Entspannt legte sie sich auf den Bauch und verschränkte ihre Arme unter ihrem Kopf. Natürlich war ihr zum Heulen zumute, doch auf der anderen Seite war sie einfach nur froh. Ein neuer Wind würde beginnen zu wehen. Ein Wind, der aus einer ganz anderen Richtung weht. Es war vorbei. Sie hatte abgeschlossen mit ihrem alten Leben. Obwohl sie wusste, dass dies viel zu schnell ging, war sie davon überzeugt, einen Neuanfang zu schaffen. Irgendwie musste es doch weitergehen, doch so, wie es zuvor herging, konnte Amelie es nicht fortführen. Sie fühlte sich so tot. Tot und wiedergeboren.